Der Punkt an der Wand – und die Flasche neben mir
Ich sitze da und starre auf einen Punkt an der Wand. Neben mir eine Flasche, eine Armlänge entfernt. Der Rausch wärmt kurz, die Scham bleibt lang. Ein Text über Rückfall, Einsamkeit und den Versuch, das eigene Schweigen auszuhalten.
Manchmal gibt es diese Momente, in denen man nicht mehr weiter weiß. In denen nichts Sinn macht. In denen man dasitzt und nicht weiß, wohin mit sich selbst.
Dieser Text ist so ein Moment.
Kein Ratgeber, keine Lösung. Nur eine Innensicht – ein Bekenntnis.
Es geht um Alkohol. Um Einsamkeit. Um den Versuch, etwas zu betäuben, das sich nicht betäuben lässt.
- Telefonseelsorge Österreich: 142 (rund um die Uhr, kostenlos)
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Der Punkt an der Wand – Protokoll eines Rückfalls
Ich sitze da. Starre auf einen Punkt an der Wand. Ein Fleck. Winzig – nichts Besonderes. Aber ich kann nicht wegsehen.
Weiß nicht, wie lange ich hier schon sitze. Keine Ahnung, was ich eigentlich tun wollte. War da was? Irgendein Plan?
Ich hatte mal Visionen. Lebensinhalte. Ideale, Überzeugungen, Ziele – Dinge, für die ich gearbeitet habe. Für die ich leben wollte. Optimismus. Dieses Gefühl, dass es sich lohnt. Dass man etwas bewegen kann.
Das ist weg. Einfach weg.
Nicht, weil ich es verloren hätte – sondern weil ich nicht mehr daran glaube.
Wofür noch? Wohin soll das führen? Und was, wenn die Antwort ist: nirgendwo?
Nichts macht Sinn.
Neben mir steht eine Flasche. Eine Armlänge entfernt. Halb leer. Verachtenswert, anrüchig fast.
Das war nicht immer so.
Es gab eine Zeit, da war sie etwas Schönes. Geselligkeit. Entspannung. Ein Glas Wein zum Essen, ein Bier mit Freund*innen, Sekt zu besonderen Anlässen. Normal und unproblematisch.
Heute ist sie was anderes.
Heute steht sie da wie eine Anklage. Ein Zeuge meines Scheiterns. Ein Komplize, den ich hasse und brauche zugleich.
Ich schaue sie nicht an. Muss ich nicht. Ich weiß, dass sie da ist. Das reicht.
Eine Armlänge entfernt. Zu nah, um sie zu ignorieren. Zu weit weg, um nicht daran zu denken.
Ich hab's schon probiert. Aufzuhören.
Ein paar Tage. Mal ein paar Wochen. Das Längste in den letzten zehn Jahren waren neun Monate. Neun Monate Abstinenz. Abstand, Distanz. Weil ich weiß, es tut mir nicht gut.
Neun Monate. Ich war stolz drauf. Hab gedacht: "Jetzt hab ich's im Griff."
Aber dann kommt dieser Moment.
Die Einsamkeit wird zu groß. Die Isolation – auch wenn sie nur gefühlt ist – wird überwältigend. Die Fragen werden zu laut. Die Leere zu still.
Und dann reicht meine Disziplin nicht mehr.
So schnell geht das. So rasch. Es überkommt einen.
Der Gang zum nächsten Schluck. So leicht beschafft – der Wein, die Spirituose, der Sekt. Supermarkt um die Ecke. Kiosk. Tankstelle. Keine große Sache.
Ich stehe vor dem Regal. Vor der Flasche.
"Nur heute.", "Nur ein Glas.", "Morgen hör' ich wieder auf."
Ein Schluck. Dann noch einer. Eher große als kleine.
Und nach zwei, drei Schlucken fühlt es sich schon wieder besser an.
Die Wärme breitet sich aus. Das Denken wird langsamer, der Lärm im Kopf leiser.
Für einen Moment. Für ein paar Stunden.
Und für diese paar Stunden ist es okay.
Bis es zurückkommt.
Die Traurigkeit. Der Selbsthass. Die Enttäuschung.
Alles wieder da. Nur schlimmer!
Denn irgendwann – mitten im Rausch, wenn ich glaube, die Gefühle endlich erstickt zu haben – brechen sie wieder hervor. Stärker als vorher. Heftiger. Als hätten sie nur gewartet.
Ich sitze da, taumelnd, benommen. Die Tränen kommen aus dem Nichts. Die Wut bricht durch wie eine Welle. Die Verzweiflung, die ich eigentlich betäuben wollte, schreit plötzlich so laut, dass ich sie nicht mehr überhören kann.
Und dann kommen die blöden Aktionen.
Die SMS an Freund*innen, die ich nüchtern nie schreiben würde. Die Anrufe, die niemand abnehmen sollte. Die Nachrichten – zu emotional, zu ehrlich, zu verzweifelt.
Im Suff gibt's keine Kontrolle mehr. Keine Überlegung – nur Impuls.
Ich schreibe, was ich fühle. Ich sage, was ich denke. Ich tue, was ich nüchtern zurückhalte.
Und am nächsten Morgen – wenn ich das Handy in die Hand nehme, wenn ich die Nachrichten lese, die ich verschickt habe – will ich sterben.
"Oh Gott. Was hab ich geschrieben? Was hab ich getan?"
Die Scham ist unerträglich. Der Selbsthass, der mich nüchtern jedes Mal erwartet, ist schlimmer als alles andere.
Nicht nur: "Ich hab wieder getrunken." Sondern: "Was hab ich getan, während ich getrunken hab?"
Jede Nachricht ein Beweis. Jede Aktion eine Anklage: Alles Momente, die ich am liebsten ungeschehen machen würde.
Aber man kann's nicht ungeschehen machen. Man kann sich nur entschuldigen. Oder schweigen. Oder hoffen, dass die anderen es vergessen.
Aber ich vergesse es nicht.
Am nächsten Morgen – Kopf dröhnt, Mund trocken, Körper schwer – ist alles wieder da. Die Fragen, die ich betäuben wollte. Die Wut, die ich runterdrücken wollte. Die Verzweiflung, vor der ich weglaufen wollte.
Nur, dass jetzt die Scham dazukommt. Die doppelte Scham.
"Ich hab's schon wieder getan." Und: "Was hab ich dabei angerichtet?"
Ein Tag weniger. Ein Tag mehr, an dem ich's nicht geschafft hab. Ein Tag mehr, den ich mir selbst nicht verzeihen kann.
Und die neun Monate? Die neun Monate werden zu nichts.
Morgen war dann wieder heute. Das eine Glas wurde zur Flasche. Und "nur dieses eine Mal" wurde zur Regel. Ein Teufelskreis.
Alkohol.
Dieses verfluchte, wunderbare, teuflische, himmlische Gift.
Es schenkt Wärme. Kurzfristig.
Und wenn da sonst nichts ist – keine Überzeugungen mehr, keine Menschen, keine Perspektive – dann ist diese kurzfristige Wärme alles, was bleibt.
Es ist wie eine toxische Beziehung. Man weiß, dass sie einem nicht guttut. Man weiß, dass sie einen kaputt macht. Aber man kommt immer wieder zurück.
Weil die Einsamkeit ohne sie noch unerträglicher ist. Weil sie verlässlich ist, wenn nichts anderes mehr verlässlich ist. Weil sie nicht fragt und nicht antwortet – sie ist einfach da.
Ich weiß nicht, wann es gekippt ist.
Wann aus "gelegentlich" "regelmäßig" wurde. Wann aus Genuss Missbrauch wurde. Wann aus "entspannen" "überleben" wurde.
Vielleicht war es, als die Visionen zerbrachen. Als die Prinzipien hohl wurden. Als der Optimismus sich in Resignation verwandelte.
Vielleicht war es früher. Vielleicht war es immer schon da.
Was ich weiß: Ich hab's versucht. Immer wieder. Und immer wieder hab ich's nicht geschafft.
Nicht, weil ich schwach bin. Nicht, weil ich dumm bin. Sondern weil die Disziplin irgendwann nicht mehr reicht, wenn die Einsamkeit zu groß wird.
Die Flasche steht neben mir. Eine Armlänge entfernt. Ich weiß, dass ich gleich wieder zugreifen werde.
Nicht, weil ich will. Sondern weil ich nicht weiß, wie ich es sonst aushalten soll.
Vielleicht schaff' ich's morgen. Vielleicht auch nicht.
Aber heute – heute reicht es nicht.
Der Punkt an der Wand ist noch da. Ich starre ihn an. Wie vorher. Wie immer.
Und die Flasche steht neben mir.
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Herzliche Grüße
Dorian Rammer