Schweigen schützt nicht – Über Trauma, Sucht und den Versuch, weiterzuleben
Mein Weg: Es gibt kein Weiter ohne Scham – aber vielleicht ein Leben mit ihr. Eine Geschichte über Sucht, Kindheitstrauma, Einsamkeit und das stille Ringen um Hoffnung.
Wenn es dir gerade akut schlecht geht: TelefonSeelsorge 142 (24/7).
In Wien: Sozialpsychiatrischer Notdienst 01 / 31 330 (24/7).
Im Notfall 144 oder 112.
Manchmal frage ich mich, ob Offenheit ein Fluch ist.
Im Sommer 2025 erzählte ich in ORF Thema meine Geschichte: Sucht, Trauma, Substanzen, Zusammenbrüche. Die Sendung erreichte über fünfhunderttausend Menschen. Danach schrieben mir Hunderte - Betroffene, Angehörige, Menschen, die sagten, sie hätten sich durch meine Worte weniger allein gefühlt.
Gleichzeitig entwickelte ich in den Wochen danach eine Sozialphobie.
Ich, der früher in Gastronomie, Politik und Nachtleben ständig unter Menschen war, zog mich zurück. Weil ich mich erkennbar fühlte. Markiert. Als würde jeder Blick sofort alles wissen: der mit der Sucht, dem kaputten Leben, Sex und Drogen.
Und trotzdem schreibe ich weiter. Nicht aus Pose. Nicht, weil ich geheilt wäre. Sondern weil Schweigen nichts schützt. Es macht Dinge nur unsichtbar. Und im Unsichtbaren gehen Menschen oft am meisten zugrunde.
Anfänge, die man sich nicht aussucht
Mai 1996, Stockerau. Meine Mutter war Lebenskünstlerin, Poetin - und alkoholkrank. Mein Vater dagegen ist Softwareentwickler, streng erzogen, diszipliniert. Sie trank, wahrscheinlich auch ein bisschen während der Schwangerschaft, und litt unter Psychosen.
Ich glaube, sie liebte mich. Auf ihre Weise. Aber sie war selbst zu "beschädigt", zu krank, zu verloren, um einem Kind das geben zu können, was ein Kind eigentlich bräuchte. Spätestens meine Kaiserschnittgeburt und die folgende postpartale Depression stürzten sie weiter in den Abgrund, bis sie meinen Vater und mich verließ. Einfach ausriss.
Ich war vier, als sie im Koma starb. „Partyinduziert“ wäre ein bitteres, vielleicht zu kaltes Wort dafür. Aber falsch wäre es auch nicht.
An sie selbst erinnere ich mich kaum. Eher an das Loch, das sie hinterlassen hat.
Denn danach begann eine Odyssee: Großeltern mütterlicherseits, Großeltern väterlicherseits, zwischendurch eine sozialpädagogische Wohngemeinschaft für traumatisierte Kinder, dann zurück zum Vater, der inzwischen eine neue Partnerin hatte. Diese Frau hasste meine Mutter zutiefst und richtete diesen Hass später auch gegen mich. Psychoterror, körperliche Gewalt, ein Klima aus Angst und Abwertung. Die Erinnerungen an diese Zeit sitzen bis heute tief.
Mit sieben kam ich zurück nach Wien zu meinem Vater und seiner darauffolgenden Partnerin. Sie wurde meine Stiefmutter, und rückblickend bin ich ihr für vieles dankbar.
Aber da war ich bereits angeknackst.
Wechselnde Bezugspersonen, unsichere Bindung, Traumata, eine sterbende Mutter, Kinderheim, Gewalterfahrungen, Liebe an Bedingungen. Ich wurde nicht selbstverständlich gehalten. Nicht so, dass ein Kind lernt: Ich bin sicher, auch wenn ich nichts leiste.
ADHS wurde mir schon in der Volksschule als Diagnose umgehängt. Hyperaktiv, unruhig, ständig auf der Suche nach Aufmerksamkeit und Bestätigung. Ich funktionierte irgendwie, aber ich fühlte mich nie ganz.
Erste Flucht
Mit 14 outete ich mich als homosexuell. Mein Vater kam damit nicht gut zurecht, zu tief saß seine konservative Erziehung. Die Konflikte zu Hause wurden härter. Ich rutschte in meine erste klinische Depression.
Mit 16 lief ich davon. Eine Herbstnacht, Regen, eine Parkbank beim Rathaus. Am nächsten Tag kam ich ins Krisenzentrum, danach war ich einen Monat lang in Obhut des Jugendamtes. Später zog ich zu meinen Großeltern mütterlicherseits und brach den Kontakt zur restlichen Familie ab.
Ich versuchte nachzuholen, was ich verpasst zu haben glaubte: Partys, Alkohol, Freiheit, Nachtleben, Menschen, Intensität. Meine schulischen Leistungen rutschten ab. Ich brach die BAKIP, die Ausbildung zum Kindergartenpädagogen, ab, begann eine Lehre zum Buchhändler und schaffte auch diese nicht ganz.
Mit 17 zog ich als Untermieter zu einem Bekannten. Ich stürzte mich ins schwule Nachtleben, zog um die Häuser, engagierte mich bei der Homosexuellen Initiative Wien und organisierte unter anderem Regenbogenball und Regenbogenparade mit.
Nach außen sah vieles nach Aktivität aus. Nach Leben, Szene, Engagement, Freiheit. Aber hinter der Bewegung stand eine Leere, die immer größer wurde. Ich trank zunehmend viel, nahm zum ersten Mal Kokain, hatte viele Kontakte und kaum echte Freundschaften. Menschen waren da, aber selten nahe.
Der erste Absturz
2016, ich war 20, fiel ich nach tagelangem Feiern in eine erste Psychose. Die Rettung brachte mich auf die Baumgartner Höhe. Bipolare Störung, sagten sie damals. Medikamente, Psychosozialer Dienst, Termine, Diagnosen. Aber es half nicht wirklich. Bis März 2017 fuhr ich noch zweimal via Notruf in die Psychiatrie.
Dann kam eine sechswöchige Reha in Hollenburg. Eine neue Diagnose: Borderline. Emotional-instabile Persönlichkeitsstörung.
Zum ersten Mal verstand ich zumindest ansatzweise, was mit mir los war. Die Impulsivität, die Stimmungsschwankungen, die Angst vor dem Verlassenwerden, das Schwarz-Weiß-Denken. Es begann Sinn zu ergeben. Ich lernte meine Muster kennen und begriff, dass Trauma nicht einfach Vergangenheit ist, sondern sich in Verhalten übersetzt: in Abwehr, Sehnsucht, Panik, Selbstsabotage.
Eine Zeit lang funktionierte es besser. 2018 begann ich beim Samariterbund als Sanitäter zu arbeiten. Das war ehrlich erfüllend. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, wirklich etwas Sinnvolles zu tun. Ich konnte Menschen helfen. Konkret.
Aber die Depressionen blieben im Hintergrund. Sie verschwanden nicht, sie wurden nur leiser. 2020 hielt ich es nicht mehr aus und hörte auf.
Und dann kam COVID.
Ohne Strom
Die Pandemie war für mich der Anfang vom Ende. Oder der Anfang von etwas anderem.
Ich geriet in ein Umfeld, in dem intensiv konsumiert wurde. Nicht nur Alkohol, sondern viele verschiedene Substanzen. GHB ist ätzend, Mephedron brennt in der Nase, Kokain macht den Mund taub. Die Zunge fühlt sich fremd an. Nach tagelangem Ecstasy kommen die Halluzinationen: Schatten an den Wänden, Geräusche, die nicht da sind, Paranoia, die sich wie ein nasses Tuch um den Kopf legt.
Einmal schaffte ich es mitten in so einem Horror irgendwie zum Hausarzt. Ich weiß nicht mehr genau, wie ich dorthin kam und was ich sagte. Ich weiß nur noch, dass ich schweißgebadet vor ihm saß.
Der Weg nach Hause nach solchen tagelangen Abenteuern war oft eine Stunde zu Fuß, mitten in der Nacht, den Blick gesenkt, weil ich keine U-Bahn ertrug. Zu viele Menschen. Zu viele Augen. Zu viel Paranoia. Lieber die leeren Straßen, die Kälte, das Alleinsein.
2022 war das schlimmste Jahr meines Lebens.
Ich arbeitete in einem schwulen Gastro-Betrieb in Wien, zu dem auch eine Sauna gehörte. Am Wochenende war das Lokal durchgehend geöffnet. Wenn ich meinen Dienst begann und die Räumlichkeiten aufsperrte, spielte ich immer denselben Song. Ich erinnere mich nicht mehr an den Titel. Nur daran, dass er mir für ein paar Minuten die Illusion gab, selbst fröhlich sein zu können. Und das musste ich ja auch: als Barkeeper, als Gastgeber, als jemand, der die Party am Laufen hält.
Die Illusion hielt nie lange.
Ich war in diesem Jahr fast durchgehend high oder betrunken. Vieles ist verschwommen, manches fehlt ganz. Tagelang wach, Eskapaden, dieser schmutzige Zwischenraum, in dem Realität und Rausch irgendwann nicht mehr sauber voneinander zu trennen sind.
Gleichzeitig hatte ich neun Monate lang keinen Strom und kein Gas in meiner Wohnung.
Finanziell war ich am Ende. Ich schob Rechnungen vor mir her und blendete die Realität aus. Ich wusch meine Kleidung in der Waschmaschine am Arbeitsplatz, lud mein Handy bei McDonald’s oder mit Powerbanks auf und lernte, Konserven mit Teelichtern aufzuwärmen. Selbst meine Freizeit verbrachte ich oft am Arbeitsplatz, trinkend, konsumierend, nach außen „happy“, umgeben von Menschen, denen es ähnlich ging.
In diesen Monaten ohne Strom saß ich nachts ein paar Mal im Wohnzimmer. Vor mir ein Messer auf dem Tisch. Ich starrte es an, manchmal stundenlang, und dachte darüber nach, wie einfach es wäre. Die Dunkelheit um mich herum lag nicht nur daran, dass kein Licht da war. Sie war in mir.
Ich setzte es nicht um. Nicht in diesen Nächten. Warum, weiß ich bis heute nicht genau. Vielleicht fehlte mir der Mut. Vielleicht war irgendwo tief unten noch ein Rest Hoffnung vergraben. Wenn man seit der Kindheit überlebt, entwickelt man offenbar eine gewisse Resilienz. Keine schöne, glänzende. Eher eine zähe.
Irgendwann hielt ich es in der Szene nicht mehr aus und hörte auf zu arbeiten. Das zweite Halbjahr 2022 verbrachte ich hauptsächlich auf privaten Partys oder daheim. Im Bett, im Dunkeln, frierend, depressiv, meistens mit Alkohol.
Keine Jalousien, kein Licht, nur das schwache Leuchten meines Laptops. Ich hörte „On ne change pas“ von Céline Dion auf Repeat. Manchmal weinte ich dabei, manchmal starrte ich nur an die Decke. Man ändert sich nicht. Der Titel war Programm.
Ende des Jahres hatte ich irgendwann wieder Strom und Gas.
Im Dezember brachte mich mein bester Freund Daniel in die Akutpsychiatrie. Für ihn war sichtbar geworden, dass ich zu lange in diesem Teufelskreis festhing. Sie gaben mir aber kein Bett. Ich stand wieder draußen. Wieder allein.
Kurz danach, oder vielleicht Anfang Jänner, verlor ich nach einer Party meine Wohnungsschlüssel und hatte kein Geld für einen Schlüsseldienst. Mein Handy war leer oder kaputt. Ich lief durch die Nacht, klingelte bei mehreren Freunden, fror.
Das war mein absoluter Tiefpunkt.
Der Grüne Kreis
Anfang 2023 wohnte ich einen Monat lang bei einem guten Freund, Hennesy, auf der Couch. Danach mehrere Monate bei Sebastian, der auf Saisonarbeit war und mir seine Wohnung anbot. Ich brauchte eine Zuflucht. Und ich wollte mich isolieren: weg von den Substanzen, weg vom alten Umfeld, weg von allem, was mich immer wieder zurückzog.
Dann fuhr ich für vier Monate auf Entzugstherapie zum Grünen Kreis.
Von Jänner bis September 2023 war ich komplett abstinent. Neun Monate. Zum ersten Mal seit Jahren. Ich lernte wieder nüchtern zu leben, zumindest in Ansätzen. Lernte, dass Substanzen nicht die Lösung sind, sondern irgendwann selbst Teil des Problems werden.
Im September ließ ich mich von einem alten Bekannten zu einem Schluck Sekt verführen. „Nur zum Anstoßen.“
Seitdem gab es vereinzelte Rückfälle. Aber es ist anders als früher. Selbst wenn ich mal high bin, kann ich mich nicht mehr völlig fallen lassen wie damals. Es gibt einen Teil von mir, der zusieht. Der weiß, dass es nicht gut ist. Der mich nicht immer stoppt, aber zumindest bremst.
Das ist kein sauberer Sieg. Aber es ist auch nicht mehr derselbe Absturz wie früher. Eher ein mühsamer Zwischenstand. Ein Teilerfolg, wenn man so will. Nicht schön, nicht ideal, aber real.
Öffentlichkeit und Einsamkeit
Nach der Therapie begann ich öffentlich über meine Erfahrungen zu sprechen. Ich schrieb ein paar Artikel für Onlinemedien, und 2024 begann die Produktion einer ORF Thema-Sendung. Über eineinhalb Jahre begleiteten sie mich, filmten mein Leben, meine Gedanken, meinen Struggle. Im Sommer 2025 wurde die Sendung ausgestrahlt und breit wahrgenommen.
Danach kamen Hunderte Nachrichten. Menschen, die mir dankten. Die sagten, ich hätte ihnen Mut gemacht. Dass sie sich weniger allein fühlten.
Gleichzeitig zog ich mich selbst zurück. Die Öffentlichkeit, die ich gesucht hatte, um anderen zu helfen, machte mich einsamer. Meine Großmutter sprach plötzlich nicht mehr mit mir. Ich brach einen Job ab, ging kaum noch außer Haus.
Im September 2025 unternahm ich einen Suizidversuch. Mit Medikamenten diesmal, nicht mit einem Messer.
Es ist seltsam: 2022, in den dunkelsten Nächten, als ich in der stromlosen Wohnung saß und das Messer vor mir lag, setzte ich es nicht um. Vielleicht, weil ich damals noch glaubte, dass es irgendwann besser werden könnte. Dass ich noch eine Chance hatte. Dass die Welt vielleicht doch noch Platz für mich haben würde.
Im September 2025 war es anders. Ich hatte manches besser im Griff als damals. Weniger Substanzen, mehr Struktur, mehr Bewusstsein. Ich funktionierte sogar um einiges besser.
Aber die Hoffnung war weg. Der Plan.
Meine finanzielle Situation verbesserte sich nicht, egal wie sehr ich mich anstrengte. Kein wirklicher Fortschritt, keine Perspektive, nur das Gefühl, auf der Stelle zu treten. Dazu die Weltsituation, die mir bis heute oft die Luft nimmt: Kriege, Klimakrise, eine Politik, die vieles ignoriert, junge Generationen in Dauerablenkung - und ich merke es ja auch an mir selbst. Also wie soll ich urteilen? Wie soll ich hoffen?
Ich hatte früher Ideale. Ich glaubte, dass Engagement etwas ändert. Dass Sichtbarkeit hilft. Dass Aufklärung wirkt. Dass meine Stimme zählt.
In diesem Moment, alkoholisiert und innerlich völlig erschöpft, fühlte es sich an, als würde ich gegen Windmühlen ankämpfen. Nicht dramatisch im schönen Sinn. Eher leer. Ausgebrannt. Als wäre der Plan aus mir herausgefallen.
Das Unverständnis bleibt
Selbst heute, nach allem, was ich durchgemacht habe, nach Therapie, Öffentlichkeit werde ich bei Rückfällen oft mit Unverständnis konfrontiert. Mit Vorwürfen. Oft nicht von Fremden, sondern von meiner eigenen Familie.
Mein Vater hat meine psychisch kranke Mutter begleitet und erlebt. Er hat sie sterben sehen. Er kennt mich mein ganzes Leben. Und trotzdem höre ich, wenn ich rückfällig werde oder es mir schlecht geht, eher Vorwürfe als Verständnis.
Kaum jemand fragt: Was brauchst du? Kaum jemand sagt: Ich bin einfach da. Kaum jemand hört zu, ohne sofort zu urteilen.
Wie soll ein gebrochener Mensch je ganz werden?
Wie soll jemand, der von Anfang an mit so viel Unsicherheit konfrontiert war - wechselnde Bezugspersonen, Trauma, Gewalt, Liebe an Bedingungen -, später einfach selbstverständlich Nähe zulassen? Selbst in Gegenwart von Menschen, die mir eigentlich nichts Böses wollen, fühle ich mich oft nicht ganz zu Hause. Es ist, als wäre ich mental in Isolation gefangen. Ich kann nicht einfach lieben, nicht einfach vertrauen, nicht einfach weich werden. Ich kann mich selbst nicht richtig liebhaben. Wie auch? Ich habe es als kleines Kind nie sicher erfahren dürfen.
Die chronische Depression, die mich schon fast mein ganzes Leben begleitet, ist wieder stärker geworden. Ich bin introvertierter geworden, wo ich früher extrovertiert war. Ich sitze viel allein zu Hause. Manchmal schaffe ich es hinaus in die Sonne oder zur Therapie. Manchmal reicht auch das schon als kleiner Sieg.
Es wird wieder aufwärts gehen. Wahrscheinlich nicht gerade. Wahrscheinlich nicht ohne Rückschritte. Aber weitergehen muss es trotzdem.
Warum ich das tue
Ich tue das nicht, weil ich geheilt bin. Ich tue es, weil ich überlebt habe - bis jetzt. Und weil ich glaube, dass auch ein beschädigtes Leben noch sprechen darf.
Ich weiß, wie es ist, wenn man denkt, man sei der Einzige. Wenn man sich schämt für das, was man getan hat, für das, was man braucht, für das, was man ist. Vielleicht hätte meine Mutter mehr Chancen gehabt, wenn über Alkoholismus und psychische Erkrankungen anders gesprochen worden wäre. Vielleicht wäre ich selbst nicht so tief gefallen, wenn ich früher verstanden hätte: Du bist nicht allein. Und du bist nicht automatisch verloren.
Ich habe ein Netzwerk aus politischer Arbeit, Szene, Medien und Öffentlichkeit. Ich kenne Politiker*innen, Institutionen, Menschen. Ich möchte es nutzen, um Aufmerksamkeit auf Themen zu lenken, die oft erst dann ernst genommen werden, wenn es schon zu spät ist: Sucht, Trauma, psychische Gesundheit, Einsamkeit, Resilienz.
Ich will zeigen, dass man trotz allem weiterleben kann. Nicht perfekt. Nicht rundherum geheilt. Sondern lebendig, widersprüchlich, manchmal müde, manchmal rückfällig. Aber noch da.
Wem meine Worte gehören
Diese Worte gehören den Menschen, die gerade dort sind, wo ich vor Jahren war - und wo ich manchmal immer noch bin. Menschen, die sich fragen, ob es sich lohnt, weiterzumachen. Sie gehören Eltern, Freund*innen, Lehrer*innen, Angehörigen - allen, die oft hilflos danebenstehen und trotzdem lernen müssen, dass Vorwurf selten rettet.
Und sie gehören besonders der schwulen Szene, in der ich aufgewachsen bin. Ich glaube, wir müssen ehrlicher werden. Nicht ständig, nicht überall, nicht ohne Schutz. Aber ehrlicher als bisher. Wir können nicht so tun, als wäre alles nur Freiheit, Party, Glitzer und Sex. Natürlich gibt es Freude, Schönheit, Lust, Zugehörigkeit. Aber es gibt eben auch viel Schmerz hinter der Fassade. Viele von uns feiern nicht nur, sie flüchten. Viele suchen nicht nur Sex, sondern Berührung. Viele konsumieren nicht nur, weil es Spaß macht, sondern weil nüchtern etwas kaum auszuhalten ist.
Chemsex ist keine reine Befreiung. Oft ist es auch ein Symptom: ein Versuch, Nähe zu erzwingen, Scham zu betäuben, Körperlichkeit überhaupt erst erträglich zu machen. Ein Versuch, für ein paar Stunden jemand zu sein, der keine Angst hat.
Queere Menschen haben ein höheres Risiko für Sucht, Depression und Suizid. Nicht, weil wir schwächer wären, sondern weil viele von uns in einer Welt aufwachsen, die uns früh das Gefühl gibt, dass mit uns etwas nicht stimmt. Diese Vulnerabilität ist real. Sie braucht Räume, in denen offen darüber gesprochen werden kann. Nicht als Schwäche, sondern als Realität.
Was sich ändern muss
Kein Kind sollte so aufwachsen müssen wie ich. Jedes Kind verdient Liebe, die nicht erst verdient werden muss.
Trauma endet nicht einfach bei einer Person. Es wandert weiter, wenn niemand hinsieht. Lieblosigkeit zieht Spuren über Generationen. Prävention beginnt nicht erst in Kliniken, Beratungsstellen oder Kampagnen. Sie beginnt zu Hause, in Schulen, in Nachbarschaften, in einer Gesellschaft, die Kinder nicht allein lässt und Menschen nicht erst dann bemerkt, wenn sie zusammenbrechen.
Sucht ist Schmerz, nicht bloß Schuld. Natürlich tragen Menschen Verantwortung. Auch ich. Aber Verantwortung ohne Verständnis wird schnell zur Strafe, und Strafe heilt nichts.
Queere Jugendliche, Geflüchtete, Armutsbetroffene, traumatisierte Menschen - sie alle tragen oft ein größeres Gewicht, lange bevor sie überhaupt die Sprache dafür haben. Niemand sollte sich schämen müssen für das, was er ist, oder allein bleiben mit dem, was ihm passiert ist.
Noch hier
Ich habe in meinem Leben viel erlebt, was mich hätte zerstören können. Meine Mutter starb an Alkohol. Ich hatte neun Monate keinen Strom. Ich war obdachlos. Ich war und bin suchtbetroffen. Ich habe versucht, mich umzubringen.
Solange ich hier bin, will ich meine Stimme nicht wieder weglegen. Nicht, weil ich glaube, dass ich die Welt retten kann. Das glaube ich nicht. Aber ich weiß, dass ein einziger Mensch, der sich weniger allein fühlt, manchmal schon Grund genug ist.
Auch wenn ich selbst einsam bin. Auch wenn ich mich oft noch immer nicht sicher fühle. Auch wenn Nähe für mich manchmal etwas ist, das ich gleichzeitig suche und kaum aushalte.
Aber ich bin noch hier.
Und das muss erstmal reichen.
- Telefonseelsorge Österreich: 142 (rund um die Uhr, kostenlos)
- Sucht- und Drogenambulanz: 01 / 4000-53114
- Sozialpsychiatrischer Notdienst: 01 31 330
- Notruf EU-weit: 112 (z.B. für Rettung)
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Herzliche Grüße
Dorian Rammer