Zur Philosophie – oder: Vom Lesen zum Leben

Ein persönlicher Text über Philosophie, Stoizismus und das Weitermachen. Über das Denken, wenn es ernst wird – und darüber, was bleibt, wenn Gewissheiten bröckeln. Über Erkenntnis, innere Selbstschau und die großen Fragen des Lebens.

Zur Philosophie – oder: Vom Lesen zum Leben
Raffael: Die Schule von Athen (1510–1511). Fresko in der Stanza della Segnatura, Vatikan. Darstellung der großen antiken Philosoph*innen, im Zentrum Platon und Aristoteles, Sinnbild für die Einheit von Denken, Dialog und Erkenntnis.
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Audio-Version des Textes – gelesen von Dorian Rammer.
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Ich habe recht früh lesen gelernt – mit vier Jahren, dank meiner Großeltern. Bücher waren damals mehr als Geschichten; sie waren Fenster, durch die ich hinaus- und zugleich hineinsehen konnte. Wie ein Ort, an dem ich eintauchen und bleiben konnte, wenn die Welt draußen zu laut oder zu fremd war.

Im Gymnasium wurde die schuleigene Bibliothek fast mein zweites Zuhause. Nicht, weil ich damals wahnsinnig wissbegierig gewesen wäre oder nach Erleuchtung gesucht hätte. Eher, weil es dort ruhig war und weil mich niemand gestört hat. Ich erinnere mich an die vielen Regale, an den Geruch von Papier, die PC-Stationen (mein erster Internetzugang!) und an die ruhigen Nachmittage, die ich dort verbracht habe, ohne besonderen Plan.

Am Anfang waren es vor allem Bildbände, die meine Faszination an der Antike prägten, wie zuvor als Kind alles rund um Ritterburgen meine Achillesferse gewesen war. Architektonische Querschnittbücher – diese detaillierten Zeichnungen, die einem zeigen, wie antike Städte ausgesehen haben: Rom und sein riesiges Imperium, Athen, Alexandria. Man sah die Straßen, die Tempel, die Paläste und Aquädukte, alles in Schichten aufgeblättert, als könnte man durch die Zeit hindurchsehen. Ich konnte stundenlang in diesen Bildern versinken, mir vorstellen, wie die Menschen dort gelebt haben, wie es geklungen, gerochen haben muss und wie alles zusammen funktioniert hat.

Einmal bin ich auch über Bücher über Philosophen gestolpert. Nicht die Originaltexte – mit denen hätte ich damals bei Weitem nichts anfangen können. Eher Einführungen, Überblicke, ebenso spannend aufbereitet; Bücher, die Sokrates, Aristoteles, aber auch Descartes und Schopenhauer umrissen. Ich habe sie gelesen, weil sie da waren und weil ich neugierig war. Nicht, weil ich nach Antworten suchte oder weil mich die großen Fragen des Lebens umtrieben. Das kam erst später.

Was mich anfangs interessierte, waren die Geschichten. Dass Sokrates durch Athen lief und Menschen mit Fragen nervte. Dass Diogenes in einem Fass wohnte. Dass Descartes im Bett philosophierte. Das waren keine abstrakten Theorien, das waren Menschen, die auf ihre seltsame Art gelebt hatten. Und irgendetwas daran fand ich spannend.

Erst mit der Zeit – ich kann nicht sagen, wann genau – begann ich zu verstehen, dass hinter den Geschichten komplexe Gedanken lagen. Fragen, die nicht einfach zu beantworten waren. Warum die Dinge sind, wie sie sind. Warum Menschen handeln, wie sie handeln. Warum wir überhaupt versuchen, „gut" zu sein – und was das bedeutet. Diese Neugier war nie nur theoretisch; sie wurde zu einer Art unruhigem Hunger, einer Sehnsucht nach Sinn, die mich bis heute begleitet.

Die alten Fragen

Wenn man zum ersten Mal von Philosophie hört, stößt man fast zwangsläufig auf die Griechen. Sokrates, Platon, Aristoteles – große Namen, die wie Statuen über der Geschichte thronen. Ich habe sie damals eher wie ferne Sterne wahrgenommen als wie Menschen, die gelebt und gelitten haben. Erst später wurde mir klar, dass Philosophie genau dort begann, wo jemand es wagte, einfach zu fragen.

Sokrates ist vielleicht der interessanteste unter ihnen, gerade weil er selbst nichts Schriftliches hinterlassen hat. Er spazierte durch Athen und stellte Menschen Fragen – nicht, um sie zu belehren, sondern um sie zu irritieren. Seine Methode war eine Art sanfter Angriff auf Selbstverständlichkeiten: „Du sagst, du weißt, was Gerechtigkeit ist. Aber kannst du es mir erklären?" Meistens konnten sie es nicht. Und genau darin lag der Punkt. Sokrates glaubte, dass echtes Wissen nicht im Haben liegt, sondern im Zweifel. Dass wir erst zu denken beginnen, wenn wir akzeptieren, dass wir nichts wissen. Dieses bewusste Nichtwissen – die Idee, dass Weisheit darin besteht, die eigene Unwissenheit anzuerkennen – war radikal und ist es bis heute geblieben.

Diese Art zu denken machte ihn gefährlich. Er hinterfragte die Autoritäten, stellte die Mächtigen bloß, irritierte die etablierte Ordnung. 399 v. Chr. wurde er angeklagt: Verderben der Jugend, Einführung neuer Götter, Missachtung der staatlichen Götter. Die Anklage war ein Vorwand. Was man ihm wirklich vorwarf, war seine Art zu denken. Sein Anderssein, eine Weigerung, sich einzufügen.

Er hätte klein beigeben können, Reue zeigen, versprechen, künftig zu schweigen. Stattdessen verteidigte er sein Leben, sein Fragen, seine Methode. Er sagte den Richtern ins Gesicht, dass ein Leben ohne Prüfung nicht lebenswert sei. Dass er, wenn er wählen müsste zwischen Schweigen und Tod, den Tod wählen würde.

Sie verurteilten ihn zum Tod durch den Schierlingsbecher. Ein Gift, das langsam von den Beinen aufsteigt, bis es das Herz erreicht. Sokrates nahm das Urteil an. Er hätte fliehen können – Freunde hatten alles vorbereitet. Aber er blieb und er trank den Becher, umgeben von seinen Schülern, und starb, wie er gelebt hatte: fragend, ruhig, unbeugsam.

Sein Tod zeigt etwas, das sich durch die Geschichte zieht: Das Andersartige, das sich nicht in die Norm einordnet, macht Angst. Und was Angst macht, muss eliminiert werden. Sokrates wurde nicht umgebracht, weil er falsch lag. Er wurde umgebracht, weil er recht hatte – und weil das unerträglich für seine Zeitgenossen war.

Platon, sein Schüler, versuchte dann, diese flüchtigen Gespräche festzuhalten und weiterzuentwickeln. Er schuf eine Philosophie der Ideen: Hinter allem, was wir sehen, steht eine vollkommene Form, eine unveränderliche Wahrheit. Die Welt, die wir erleben, ist nur ein Schatten davon. Sein berühmtes Höhlengleichnis macht das greifbar: Menschen leben seit ihrer Geburt in einer Höhle, gefesselt, sodass sie nur auf eine Wand blicken können. Hinter ihnen brennt ein Feuer, und zwischen dem Feuer und den Gefangenen werden Gegenstände vorbeigetragen, deren Schatten an die Wand geworfen werden. Diese Schatten halten die Menschen für die Realität, weil sie nichts anderes kennen. Wer sich aber befreit und nach draußen geht, wird zunächst geblendet vom Licht – die Wahrheit tut weh, sie ist ungewohnt. Doch allmählich gewöhnen sich die Augen, und man erkennt die wahre Welt. Kehrt dieser Befreite zurück in die Höhle, um den anderen zu erzählen, was er gesehen hat, wird er verspottet oder sogar getötet – denn die Gefangenen wollen ihre vertrauten Schatten nicht aufgeben. Platons Denken war radikal idealistisch, aber auch tröstend: Es gab in seiner Welt eine Ordnung, eine Schönheit, die über allem Chaos stand. Gleichzeitig war es elitär. Nur wenige, glaubte er, könnten die Höhle verlassen. Die meisten würden in ihren Illusionen verharren.

Aristoteles brachte das Ganze wieder auf den Boden zurück. Er war Platons Schüler, aber kein reiner Nachbeter. Während Platon in die Höhe schaute, interessierte sich Aristoteles für das, was vor seinen Füßen lag. Er wollte die Welt ordnen, klassifizieren, verstehen – durch Beobachtung, nicht durch bloße Spekulation. Seine Philosophie war praktisch und umfassend: Ethik, Politik, Logik, Biologie, Rhetorik. Alles hatte seinen Platz in einem großen System. Bekannt wurde er auch als Lehrmeister von Alexander dem Großen, dem er nicht nur Philosophie, sondern auch Politik und Rhetorik vermittelte – Wissen, das Alexander auf seinem Weg durch die bekannte Welt nutzte, um Reiche zu erobern und Kulturen zu verbinden oder zu unterwerfen, je nachdem, wie man es betrachtet. Aristoteles selbst glaubte, dass der Mensch ein „politisches Wesen" sei, das nur in Gemeinschaft seine Bestimmung findet. Seine Tugendethik – die Idee, dass ein gutes Leben in der Mitte zwischen Extremen liegt – klingt simpel, ist aber erstaunlich wirkmächtig geblieben. Mut ist keine Rücksichtslosigkeit, aber auch keine Feigheit. Großzügigkeit ist keine Verschwendung, aber auch kein Geiz. Diese Mesotes, die goldene Mitte, war für Aristoteles der Weg zu einem gelungenen Leben. (Erinnert einen ein bisschen an den Weg der Mitte des Buddhismus.)

Und dann gab es Diogenes, der das Ganze auf den Kopf stellte. Während die anderen in Akademien lehrten und Systeme bauten, lebte Diogenes in einem Fass auf dem Marktplatz von Athen. Er war Zyniker im ursprünglichen Sinn: jemand, der gesellschaftliche Konventionen ablehnte und demonstrativ nach Natur und Einfachheit lebte. Die Geschichten über ihn klingen absurd und brilliant zugleich. Als Alexander der Große ihn aufsuchte und fragte, was er sich wünsche, soll Diogenes nur gesagt haben: „Geh mir aus der Sonne." Der mächtigste Mann der Welt stand vor ihm, und alles, was Diogenes wollte, war Licht. Eine andere Geschichte erzählt, wie Diogenes am helllichten Tag mit einer Laterne durch Athen lief und rief: „Ich suche einen Menschen!" Als man ihn fragte, was das solle, antwortete er: „Ich finde nur Masken und Rollen, keine echten Menschen."

Diogenes ist eine kuriose Gestalt, das wird er immer bleiben. Aber seine Aktionen bringen zum Lachen und zugleich zum Nachdenken. Er zeigte, dass Philosophie nicht nur im Kopf stattfinden kann, sondern im Leben selbst. Er lebte seine Antworten – schamlos, provokant, unbestechlich. Und er stellte die Frage, die mich bis heute beschäftigt: Wie viel von dem, was wir für notwendig halten, ist nur Gewohnheit? Wie viel Ballast schleppen wir mit uns herum, weil wir nie innegehalten haben, um zu fragen, ob wir ihn überhaupt brauchen?

Diese frühen griechischen Denker – so unterschiedlich sie waren – teilten etwas Wesentliches: Sie suchten nicht nach einfachen Antworten, sondern nach besseren Fragen. Und sie zeigten, dass Philosophie kein Luxus ist, sondern eine Notwendigkeit. Eine Art, dem Leben standzuhalten, ohne sich von ihm verschlingen zu lassen.

Der Stoizismus – oder: Was mich hält, wenn nichts mehr hält

Mit der Zeit veränderte sich mein Zugang zur Philosophie. Ich suchte weniger nach Antworten, mehr nach Haltung. Denn vieles lässt sich erklären, aber nur wenig lässt sich leben.

Irgendwann kam der Stoizismus ins Spiel – nicht als akademisches Interesse, sondern als Not. Ich erinnere mich an eine Phase vor ein paar Jahren, derer viele mehr folgen sollten. Zu viele Gedanken, zu viel Angst, zu viel Unkontrollierbares. Ich lag wach, schlaflos ohne Ende, und spürte, wie sich alles in mir zusammenzog. In solchen Momenten greife ich zu stoischen Hörbüchern: Seneca, Epiktet und Marc Aurel. Ihre Stimmen – oder die der Sprecher*innen – kommen einem Anker gleich. Damals wie heute. Nicht nur, weil sie Lösungen bieten, sondern weil sie eine Richtung vorgeben. Sie erinnern mich daran, dass ich nicht der Erste bin, der sich verloren fühlt. Und dass es Wege gibt, weiterzumachen.

Der Stoizismus entstand etwa im 3. Jahrhundert v. Chr. und wurde von Zenon von Kition begründet, aber bekannt wurde er vor allem durch seine römischen Vertreter: Seneca, Epiktet und Marc Aurel. Im Kern geht es um eine einfache, aber radikale Unterscheidung: Es gibt Dinge, die in unserer Macht liegen – unsere Gedanken, unsere Reaktionen, unsere Haltung. Und es gibt Dinge, die außerhalb davon liegen – alles andere quasi, was wir nicht beeinflussen können. Der Stoiker konzentriert sich auf das Erste und akzeptiert das Zweite.

Das klingt logisch. Aber es ist verdammt schwer.

Seneca war ein reicher Mann, Berater von Kaiser Nero, und schrieb dennoch über Bescheidenheit und Gelassenheit. Das wirkt widersprüchlich – und vielleicht war es das auch. Aber gerade deshalb haben seine Briefe an Lucilius etwas, das bleibt: eine Mischung aus moralischer Strenge und überraschender Wärme. Seneca schrieb nicht als Heiliger, sondern als jemand, der sich selbst immer wieder zur inneren Selbstschau zwang – und diese auch von anderen verlangte.

Seine Gedanken über die Zeit sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Im ersten Brief an Lucilius schreibt er: „Mach es so, mein Lucilius: Beanspruche dich für dich selbst als Eigentum, und sammle und bewahre die Zeit, die bisher entweder dir weggenommen oder gestohlen wurde oder die dir aus den Händen gefallen ist.“ Und er fährt fort: „Ein großer Teil des Lebens entgleitet denen, die schlecht handeln; der größte Teil denen, die nichts tun; das ganze Leben denen, die etwas Sinnloses tun.“ Das klingt hart, aber es ist eine der klarsten Diagnosen unserer Existenz. Wir sind beschäftigt, aber nicht präsent. Wir haben Pläne, aber keine Richtung.

In einem anderen Brief (104,26) schreibt er etwas, das mich immer wieder begleitet: „Nicht weil die Dinge schwierig sind, wagen wir sie nicht, sondern weil wir sie nicht wagen, sind sie schwierig.“ Diese Umkehrung verändert alles. Sie nimmt uns die Ausrede, dass die Umstände schuld sind, und erinnert daran, dass der erste Schritt meist der schwerste ist – nicht der Weg selbst.

Seneca wusste, wovon er sprach. Er lebte unter der Herrschaft eines Kaisers, der zusehends in den Wahnsinn abrutschte. Seneca hatte versucht, Nero zu erziehen, zu mäßigen, zu formen – und scheiterte. Schließlich wurde er der Teilnahme an einer Verschwörung beschuldigt und zum Selbstmord gezwungen. Er nahm den Befehl stoisch an, öffnete sich die Adern und starb, noch während er über Philosophie sprach. Sein Leben war kein Beweis dafür, dass der Stoizismus alles löst – aber dafür, dass man bis zuletzt versuchen kann, würdevoll zu bleiben.

Epiktet ging noch weiter. Er war ein ehemaliger Sklave, der Freiheit nicht als äußeren Zustand, sondern als innere Haltung verstand. Sein Handbüchlein ist ein schmales Buch, aber es enthält alles, was man braucht. Der erste Satz lautet sinngemäß: „Es gibt Dinge, die in unserer Macht stehen, und Dinge, die nicht in unserer Macht stehen." Das ist keine Theorie, das ist eine Übung. Epiktet fordert uns auf, unsere Energie nicht an das zu verschwenden, was wir nicht ändern können – weder das Wetter, noch die Meinungen anderer, noch das, was gestern passiert ist. Stattdessen sollen wir uns darauf konzentrieren, wie wir denken, wie wir reagieren, wie wir entscheiden.

Die dunkle Seite – wenn Akzeptanz zu Resignation wird

Aber hier muss ich ehrlich sein: Der Stoizismus hat auch eine dunkle Seite. Und ich glaube, es ist wichtig, darüber zu sprechen.

Es gibt Momente, in denen ich mich frage, ob man sich hinter stoischen Prinzipien nicht gern versteckt. Ob „Akzeptanz" nicht manchmal nur ein schöneres Wort für Resignation ist. Ob ich mich damit abfinde, was ich eigentlich bekämpfen sollte. Die stoische Unterscheidung – „Was liegt in meiner Macht, was nicht?" – kann befreiend sein. Aber sie kann auch zur Ausrede werden. Zur Rechtfertigung von Passivität.

Es ist verlockend, sich zurückzuziehen und zu sagen: „Liegt nicht in meiner Macht." Bei Beziehungen, die zerbrechen. Bei Ungerechtigkeiten, die man beobachtet. Bei Konflikten, denen man sich stellen müsste. Die stoische Lehre kann eine elegante Ausflucht bieten: Ich kann die anderen nicht ändern, also akzeptiere ich es. Aber manchmal ist diese Akzeptanz nur eine bequeme Lüge. Manchmal hätte man sehr wohl mehr tun können. Manchmal hätte man kämpfen müssen, statt zu akzeptieren.

Und dann gibt es die Frage: Was passiert, wenn man alles akzeptiert? Wenn man sich so sehr auf innere Ruhe konzentriert, dass man aufhört, die Welt zu verändern? Die Stoiker lebten in einer Zeit, in der Sklaverei normal war, in der Frauen keine Rechte hatten, in der Ungerechtigkeit zur Ordnung gehörte. Haben sie zu viel akzeptiert? Hätten sie mehr kämpfen sollen?

Ich weiß es nicht. Aber ich glaube, dass Stoizismus dann gefährlich wird, wenn er zu einem Rückzug führt. Wenn er zur Entschuldigung wird, sich nicht mehr einzumischen, nicht mehr zu fühlen, nicht mehr zu hoffen. Manchmal dürfen wir gerade die äußeren Ereignisse nicht akzeptieren. Manchmal müssen wir uns ihnen entgegenstellen, auch wenn wir wissen, dass wir verlieren könnten.

Marc Aurel – einer, der mir wirklich wichtig geworden ist

Und dann Marc Aurel. Von allen Stoikern ist er derjenige, der mich am meisten begleitet. Nicht nur, weil seine Worte so klar zu verstehen sind, sondern weil sein Leben irgendwie so herausragend und "widersprüchlich" war – und gerade deshalb so eindrucksvoll und lehrreich.

Zu seiner Zeit galt er als der mächtigste Mann der Welt: Kaiser eines Reiches, das sich wortwörtlich von den Hügeln Britanniens bis an den Euphrat in Mesopotamien erstreckte – ein Imperium, das fast die gesamte damals bekannte Welt umfasste. Er hätte alles haben können, was er wollte. Er hätte sich dem Hedonismus ergeben können, wie andere römische Kaiser vor und nach ihm – Caligula, Elagabal, Nero. Doch er wählte Demut: Er schlief auf dem Boden, nicht im Prunkbett. Er schrieb sich jeden Morgen auf, dass er schwierige Menschen treffen würde, dass es Enttäuschungen geben könnte, dass nicht alles nach Plan läuft. Und er erinnerte sich daran, dass er darauf vorbereitet sein müsse.

Seine Selbstbetrachtungen sind keine philosophische Abhandlung, sondern Notizen an sich selbst. Fast wie ein Tagebuch, das nie zur Veröffentlichung gedacht war. Er schrieb sie im Zeltlager, während er Kriege führte, die er nicht wollte – während Menschen um ihn herum starben und er versuchte, ein aufrechter Mensch zu bleiben.

In Buch XII, 26 heißt es: „Nach der Beschaffenheit der Vorstellungen, die du am häufigsten hegst, richtet sich dein Inneres; denn von den Gedanken nimmt die Seele ihre Farbe an.“ Das ist radikal. Es sagt: Du bist, was du denkst. Nicht manchmal, sondern immer. Deine inneren Bilder formen dich, ob du es willst oder nicht. Wenn du dich ständig mit dem Schlimmsten beschäftigst, wirst du selbst zum Schlimmsten. Wie eine selbsterfüllende Prophezeiung. Wenn du aber versuchst, dich auf das zu konzentrieren, was du beinflussen kannst, verändert sich etwas in dir.

Anderswo schreibt er: „Tu nicht, als würdest du Tausende von Jahren leben. Der Tod schwebt über dir. Solange du noch lebst, solange es noch möglich ist, sei gut." (Buch II, 5) Das klingt simpel, aber es ist eine der härtesten Erinnerungen, die man sich geben kann. Wir leben, als hätten wir unendlich Zeit. Wir verschieben, zögern, warten auf den richtigen Moment. Aber der richtige Moment ist jetzt. Nicht morgen, nicht nächstes Jahr – jetzt.

Was mich an Marc Aurel am meisten fasziniert, ist nicht, dass er perfekt war. Sondern dass er es – wohl eben wie wir alle – nicht war. Sicher hatte selbst er seine Ausrutscher. Tage, an denen er scheiterte. Aber allein dieses tägliche Ringen um Klarheit und Bodenständigkeit zeugt von einem Willen, der mich immer wieder beeindruckt. Seine Selbstbetrachtungen sind keine Thesen, sondern Erinnerungen an sich selbst – ein Mensch, der sich trotz aller Pflichten seine Menschlichkeit bewahren will.

Ich kehre immer wieder zu ihm zurück. Wenn ich nachts wach liege und nicht abschalten kann, höre oder lese ich seine Worte. Sie sagen nicht, dass alles gut wird. Sie sagen nur, dass ich selbst entscheiden kann, wie ich damit umgehe. Und manchmal ist das genug.

Wenn die Fragen existenziell werden

Tiefe Überlegungen entstehen selten in euphorischen Momenten. Sie entstehen in schlaflosen Nächten, nach Verlusten, in Krisen. Wenn alles zusammenbricht, fängt man an zu fragen. Wenn das Leben leicht ist, denkt man nicht nach. Man lebt einfach.

Philosophie wird dann wirklich bedeutungsvoll, wenn man sie braucht. Nicht als akademisches Interesse, sondern als existenzielle Notwendigkeit. Wenn die Fragen nicht mehr theoretisch sind, sondern real – wenn man nicht mehr nach Wissen sucht, sondern nach Haltung. Nach einer Art, aufrecht zu bleiben, wenn die Welt wankt.

In solchen Momenten gibt Philosophie keine Erlösung. Aber sie gibt eine Richtung. Sie sagt nicht: „Es wird alles gut." Sie sagt: „Es wird schwer, aber du kannst damit umgehen.“ Das ist kein Optimismus – und kein Pessimismus. Es ist Realismus mit Würde.

Die stoischen Prinzipien dauerhaft umzusetzen erfordert enorme Disziplin. Ich scheitere oft daran. Ich reagiere emotional, ich lasse mich von Dingen aus der Ruhe bringen, die ich nicht kontrollieren kann, ich vergesse, dass der Tod näher ist, als ich denke. Aber vielleicht liegt darin auch etwas Gutes. Vielleicht ist gerade das Scheitern der Beweis dafür, dass ich noch lebe. Dass ich noch fühle. Dass ich mich nicht vollständig zurückgezogen habe und das ich menschlich bin.

Was bleibt

Vielleicht begann alles in dieser Schulbibliothek – vielleicht endet es dort auch. Wenn ich nicht mehr weiterkomme, wenn die Fragen zu schwer werden, kehre ich zurück zu den alten Worten. Zu Sokrates, der wusste, dass er nichts weiß. Zu Marc Aurel, der wusste, dass er sterben wird. Sie hatten keine Antworten. Aber sie sind trotzdem weitergegangen. Und vielleicht ist das der einzige Unterschied zwischen Verzweiflung und Philosophie: Weitergehen, auch wenn man nicht weiß, wohin.

Wenn ich heute stoische Texte lese oder höre, dann nicht, weil ich glaube, dass sie alle Antworten haben. Sondern weil sie mir zeigen, dass ich nicht allein bin. Dass andere vor mir dieselben Fragen hatten, dieselben Zweifel, dieselben Ängste. Und dass sie trotzdem weitergemacht haben.

Ich habe gelernt, dass Philosophie keine Lösung ist, sondern eine Praxis. Etwas, das man übt, das man immer wieder versucht, auch wenn man scheitert. Es geht nicht darum, perfekt zu sein, sondern bewusster zu scheitern. Sich selbst zu beobachten, zu verstehen, warum man reagiert, wie man reagiert. Und dann, langsam, vielleicht ein bisschen anders zu reagieren.

Die frühen Griechen lehren mich, Fragen zu stellen. Diogenes lehrt mich, dass man weniger braucht, als man denkt. Die Stoiker lehren mich, dass man sich auf das konzentrieren sollte, was man beeinflussen kann. Aber sie alle zeigen mir auch, dass Philosophie kein Endziel ist. Es ist ein Weg. Ein ständiges Unterwegssein.

Manchmal, wenn ich nachts wach liege, höre ich nach wie vor Marc Aurel. Seine Worte halten mich, wenn nichts anderes da ist. Aber ehrlich gesagt: Manchmal reichen sie nicht. Manchmal sind die Angst und der Zweifel stärker als alle stoischen Prinzipien, manchmal bin ich einfach nur verloren. Und trotzdem mache ich weiter. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Notwendigkeit. Weil Weitermachen das Einzige ist, was einem übrig bleibt.

Philosophie ist kein Ziel. Sie ist das Weitermachen – das Fragen, das Scheitern, das Wiederfragen.

Texte, die bleiben. Über das, was uns trägt, was uns bricht – und was dazwischen liegt.

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