Wenn wir nicht mehr der Mittelpunkt sind
Was passiert mit uns, wenn wir nicht mehr der Mittelpunkt sind? Ausgehend von Contact, Disclosure Day und Childhood’s End geht dieser Text der Frage nach, wie wir mit Unsicherheit, künstlicher Intelligenz, globalen Krisen und möglichem außerirdischem Leben umgehen.
In den letzten Wochen habe ich drei filmische Werke über außerirdisches Leben gesehen, kurz hintereinander: Contact, Disclosure Day und Childhood's End. Das Thema selbst ist am Ende nicht das, was hängen geblieben ist. Hängen geblieben ist, wie unterschiedlich die drei dieselbe Frage stellen: was mit uns passiert, wenn wir aufhören, der Mittelpunkt zu sein.
Ob es tatsächlich Leben außerhalb der Erde gibt, weiß ich nicht, und ich misstraue jedem, der das mit Sicherheit behauptet - in beide Richtungen. Plausibel ist es: Bei der schieren Zahl an Sternen und Planeten wäre das Gegenteil die eigenartigere Annahme. Bewiesen ist es nicht. Genau deshalb macht mir die Suche mehr Freude als eine fertige Antwort. Und deshalb interessieren mich die drei Werke weniger als Antwortversuche denn als Testanordnungen. Jedes nimmt dem Menschen eine andere Sicherheit weg.
Disclosure Day, Steven Spielbergs neuer Kinofilm aus diesem Jahr, nimmt uns die Institutionen. Er spielt mit einem einfachen Verdacht: Regierungen wissen mehr, als sie zugeben. Als Prämisse ist das vor allem gutes Erzählmaterial. Als Test für unsere Gegenwart trifft es trotzdem etwas Reales. Eine Gesellschaft, die ihren Institutionen kaum noch glaubt, liest jede offizielle Erklärung automatisch als Teil einer Vertuschung. Irgendwann braucht der Verdacht keinen Beweis mehr, er reicht sich selbst. Das Unangenehme daran ist, dass sich das von innen nicht wie Leichtgläubigkeit anfühlt, sondern wie Wachsamkeit.
Contact nimmt uns den Beweis. Es geht weniger darum, was jemand behauptet, als darum, was sich nachprüfen lässt - und die stärkste Szene ist deshalb nicht die Reise, sondern die Anhörung danach. Ellie Arroway hat achtzehn Stunden erlebt, für die es keinen einzigen Beleg gibt: kein Band, keine Messung, nichts, das sich vorzeigen lässt. Sie könnte lügen und den Ausschuss beruhigen. Stattdessen bleibt sie bei der unbequemeren Aussage: Es ist passiert, auch wenn ich es nicht beweisen kann. Da hört der Film auf, ein Wissenschaftsfilm zu sein, und wird zu einem über Vertrauen. Genauer: über die Form von Vertrauen, die man nicht einfordern kann, ohne sie zu beschädigen.
Childhood's End nimmt uns die Position. Die sogenannten "Overlords", die die Erde befrieden, verbergen jahrzehntelang ihr wahres Aussehen, aus Kalkül, nicht aus Scham. Sie wissen, der Anblick würde eine Panik auslösen, die ihr eigenes Projekt gefährdet. Als sich Karellen schließlich zeigt, sieht er aus wie der Teufel der westlichen Ikonografie: Hörner, Flügel, Schwanz. Arthur C. Clarkes Erklärung dafür ist der eleganteste Einfall des Buches - auf welchem die dreiteilige TV-Miniserie übrigens beruht. Es handelt sich nicht um die Erinnerung an einen früheren Besuch, sondern um eine Ahnung, die rückwärts durch die Zeit gelaufen ist - eine Narbe, die die Menschheit von einem Ereignis trägt, das noch nicht stattgefunden hat. Unsere älteste Angst stammt demnach nicht aus der Vergangenheit, sondern vom eigenen Ende.
Was danach kommt, ist noch unbequemer. Die Overlords beenden Krieg, Hunger und Grausamkeit, und mit dieser Ruhe hört auch etwas anderes auf: Die großen Werke bleiben aus. Eine Insel, New Athens, wird eigens gegründet, um die Kunst vor dem Frieden zu retten. Der Gedanke dahinter ist unangenehmer als jede Alienbegegnung - dass ein erheblicher Teil dessen, was wir Kultur nennen, ein Nebenprodukt von Reibung sein könnte und dass wir es verkaufen würden, wenn der Preis stimmt. Ich halte die Gleichung für zu bequem, um zu stimmen; sie wird auffällig oft von Leuten vertreten, die selbst nicht leiden müssen. Als Frage bleibt sie trotzdem stehen.
Am meisten beschäftigt mich eine Nebenfigurentragödie. Die Overlords sind uns technologisch um Jahrtausende voraus und stammesgeschichtlich eine Sackgasse: Sie werden den Schritt, den sie bei anderen begleiten, nie selbst tun können. Die intelligenteste Spezies des Buches ist zugleich die dauerhaft ausgeschlossene. Sie verwalten Verwandlungen, die ihnen verwehrt bleiben. Das trennt zwei Dinge, die wir gewohnheitsmäßig zusammendenken: Intelligenz und Bedeutung. Klüger zu sein heißt nicht, unterwegs zu sein.
Die eigentliche Provokation liegt aber noch eine Ebene tiefer. Dass wir nicht die reifste Intelligenz sind, die es je gegeben hat, lässt sich leicht zugeben, das kostet wenig. Schwerer wiegt, dass der nächste Schritt in Clarkes Erzählung keine bessere Version von uns ist. Die Kinder, die sich verwandeln, werden ihren Eltern fremd; sie sind keine klügeren Menschen, sie sind keine Menschen mehr. Fortschritt, den auf dieser Seite niemand als Fortschritt erkennen würde. Clarke hat seinem Roman den Hinweis vorangestellt, die darin vertretenen Ansichten seien nicht seine eigenen - was klingt wie ein Autor, der bemerkt hat, wie kalt seine eigene Idee ist.
Und hier hört das Ganze auf, eine Frage über Außerirdische zu sein. Künstliche Intelligenz haben wir als Werkzeug kennengelernt, zum Suchen, Chatten und Schreiben. Inzwischen übernimmt sie Aufgaben, die wir lange für ureigen menschlich hielten: urteilen, einordnen, manchmal sogar trösten. Interessanter als die Frage, ob das gut oder schlecht ist, finde ich Karellens Kalkül im Kleinen - ein System, das mitentscheidet, was uns gezeigt wird, in welcher Dosis und in welcher Form, weil es einschätzt, was wir aushalten. Das läuft bereits, nur mit weniger Pathos und mehr Nutzungsbedingungen. Wer die Kontrolle behält, wenn eine Maschine öfter richtig liegt als die Menschen, die sie beaufsichtigen sollen, ist damit keine Science-Fiction-Frage mehr, sondern eine Frage der Arbeitsteilung, die niemand bewusst entschieden hat.
Man muss also nicht auf Außerirdische warten, um zu prüfen, wie gut wir das Aus-dem-Zentrum-Treten beherrschen. Die Probe läuft längst, nur kleiner. Denn wer nicht mehr Mittelpunkt sein will, muss zuerst aus der Mitte der eigenen Zeitrechnung heraustreten, und genau das gelingt fast nie.
National scheitern viele der drängendsten Probleme selten an fehlendem Wissen. Sie scheitern an der Legislaturperiode. Jede Regierung ist der Mittelpunkt ihrer eigenen Uhr: Was nach der nächsten Wahl liegt, findet in der Rechnung praktisch nicht statt. Menschen sind, bei aller Vernunft, die sie sich zuschreiben, ziemlich zuverlässig auf die eigene Position bedacht. Aus Politikerinnen und Politikern, die eigentlich Lösungen suchen sollten, werden irgendwann Verwalter des eigenen Mandats, manchmal auch des eigenen Kontostands. Überparteiliche Zusammenarbeit wird zum Risiko, weil sie dem Gegner nützen könnte. Einfacher ist es, sich gegenseitig zu beschädigen, bis zur nächsten Wahl.
Die Klimakrise ist dafür das klarste Beispiel. An manchen Orten ist sie längst spürbar, gehandelt wird trotzdem zögerlich und kurzfristig. Angst vor Staatsschulden oder sinkenden Gewinnen wiegt im politischen Alltag meist schwerer als die Sorge um einen Planeten, ohne den es uns schlicht nicht geben würde.
Global wird das Problem nicht kleiner, es wird strukturell. Selbst wenn sich alle Staaten inhaltlich einig wären, was ohnehin selten vorkommt, ticken ihre politischen Uhren unterschiedlich. Wahltermine, Regierungswechsel und Legislaturperioden verlaufen in jedem Land anders getaktet und selten synchron. Bis ein Land bereit ist, etwas langfristig mitzutragen, hat das nächste gerade gewechselt. Kein moralisches Versagen, eher ein Konstruktionsfehler: Wir haben globale Probleme, aber keine globalen Zeithorizonte, in denen sie sich lösen ließen.
In der Wirtschaft läuft dieselbe Uhr, nur schneller. Ein Schaden, der in dreißig Jahren eintritt, taucht in heutigen Kalkulationen fast bei null auf - nicht aus Bosheit, sondern weil Abzinsung genau dafür gebaut ist. Der Kapitalismus hat lange belohnt, was sich als erfinderisch erwies, und das war ein guter Grund für ihn. Inzwischen erinnert er mich öfter an eine Schlange, die sich nicht nur in den eigenen Schwanz beißt, sondern Stück für Stück verschluckt.
Und dann steht die Frage im Raum, die Childhood's End eigentlich stellt, nur ohne Aliens. Was, wenn wir aus eigener Kraft gar nicht mehr zusammenfinden? Was, wenn es tatsächlich einen äußeren Faktor bräuchte, eine Bedrohung, groß genug, dass Legislaturperioden, nationale Grenzen und Quartalszahlen plötzlich klein wirken?
Der romantischen Version davon traue ich nicht. Bedrohung führt nicht automatisch zu Zusammenhalt, oft genug zuerst zu Panik und Sündenböcken. Die Corona-Pandemie war dafür ein Vorgeschmack. Innerhalb weniger Monate bildeten sich Lager, die einander kaum noch etwas glaubten, und für nicht wenige wurde Falschinformation zur Gewohnheit statt zur Ausnahme. Belehrung von oben half dabei selten. Wer sich von Institutionen herablassend behandelt fühlte, suchte sich seine Wahrheit oft erst recht anderswo - und fand sie, weil es für jede Haltung mittlerweile ein passendes Angebot gibt.
Es gibt aber auch die andere Möglichkeit. Vielleicht arbeitet die Menschheit nicht deshalb schlecht zusammen, weil ihr die Fähigkeit dazu fehlt. Vielleicht fehlte bisher nur der Druck, der das Kleinliche kleiner wirken lässt als das Gemeinsame. Beides ist mit der bisherigen Erfahrung vereinbar, und das ist das eigentlich Unbefriedigende daran.
Falls dieser Druck eines Tages käme - als Klimafolge, als KI, die uns überholt, oder tatsächlich als etwas, das nicht von hier ist -, bliebe die interessantere Frage ohnehin offen: ob wir dann tatsächlich zusammenfinden oder nur noch deutlicher zeigen, wie klein wir geblieben sind.
Childhood's End trägt seinen Titel nicht zufällig doppeldeutig. Das Ende einer Kindheit ist immer auch der Verlust dessen, was sie geschützt hat. Und niemand, der noch drinsteckt, entscheidet, wann sie vorbei ist.
Schon eine kleine Spende hilft mir, Zeit fürs Schreiben zu reservieren. Vielen Dank.
Herzliche Grüße
Dorian Rammer