Wenn Sinn zur Waffe wird

Ein Essay über Janne Tellers Nichts, The Sinner und die Versuchung, Angst hinter Philosophie zu verstecken. Über falsche Sinnsuche, Gruppendynamik und die Frage, was bleibt, wenn Bedeutung zum Ritual wird – und wir lernen, sie zu leben statt zu beweisen.

Papierfalt-Orakel "Himmel-und-Hölle" / Screenshot aus der Serie The Sinner
© The Sinner | 2017–2021 USA Network / Universal Content Productions

Über falsche Philosophie und die Angst, die wir Bedeutung nennen

Was passiert, wenn Sinn nicht mehr gesucht, sondern erzwungen wird? Dieser Essay verbindet Janne Tellers Nichts. Was im Leben wichtig ist mit der Serie The Sinner – und fragt, warum aus Sinnsuche manchmal ein Kult wird und was uns wirklich trägt.

I.

Stell dir vor, eine Schulklasse beschließt, die Bedeutung des Lebens zu beweisen. Sie sammeln Gegenstände – Dinge, die ihnen wichtig sind. Eine Angelrute. Ein Paar Schuhe. Bücher. Am Anfang klingt das harmlos, fast rührend. Kinder, die einem ehemaligen Klassenkameraden Beweise für den Sinn des Lebens liefern wollen – nicht zuletzt auch um sich selbst aufzumuntern.

Aber dann kippt es. Das nächste Opfer muss größer sein. Bedeutsamer. Niemand ahnt, was sich dabei in enormer Geschwindigkeit zu entwickeln beginnt – und wozu Jugendliche im guten Glauben fähig sein können.

Das ist die Prämisse von Janne Tellers „Nichts. Was im Leben wichtig ist". Der kontroverse Roman, der in Dänemark große Diskussionen auslöste und sogar an etlichen Schulen verboten wurde, ist ein Meisterstück. Das Hauptthema – die Suche nach Orientierung im Leben – wird aus interessanter Perspektive betrachtet: Erzählerin ist eine 13-Jährige namens Agnes, die zusammen mit ihren Mitschüler*innen den Sinn in so ziemlich alles verloren zu haben glaubt.

Jetzt ein Szenenwechsel. Eine US-Serie, „The Sinner", dritte Staffel. Zwei College-Freunde, Jamie und Nick, haben früher ein Spiel gespielt. Sie falteten ein Papierorakel – „Himmel und Hölle", wie ich es aus meiner Kindheit kenne. Aber bei ihnen entschied dieses Orakel über Leben und Tod: Springen wir von der Brücke? Begraben wir uns lebendig?

Die Logik dahinter: „Wenn es keinen Gott gibt, ist das Leben reiner Zufall. Also überlassen wir dem Zufall, was passiert." Philosophie als russisches Roulette.

Zwei völlig unterschiedliche Geschichten. Ein dänisches Jugendbuch. Eine amerikanische Krimiserie. Und doch dasselbe Muster: Sinn wird performt, statt gelebt. Die Klasse opfert, um zu beweisen, dass etwas wichtig ist. Jamie und Nick inszenieren Extremerfahrungen, um etwas zu spüren. Beide scheitern.

Meine These: Tellers Roman und „The Sinner" zeigen nicht den Triumph des Nihilismus, sondern das Scheitern schlechter Sinnproduktion. Wo Bedeutung zur Waffe wird, wo sie über Opfer oder Gewalt erzwungen werden soll, entstehen Kult und Zerstörung. Sinn, der trägt, entsteht woanders: in Beziehung, in Verantwortung, in gelebter Praxis.

II.

Beide Geschichten beginnen mit einem Propheten. Oder besser: mit jemandem, der sich dafür hält.

In „Nichts" heißt er Pierre Anthon. Er ist 13 Jahre alt und steht eines Morgens im Klassenzimmer auf, verkündet „Nichts hat eine Bedeutung. Das weiß ich schon lange. Deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun" – und geht. Er verlässt die Schule, klettert in einen Pflaumenbaum und bleibt dort. Von oben wirft er Pflaumen auf seine Mitschüler*innen und ruft: „In ein paar Jahren seid ihr alle tot und vergessen!"

Pierre Anthon ist kein Philosoph. Er ist ein pubertierender Junge, der gerade Camus entdeckt hat und denkt, er hätte das Universum durchschaut. Seine Erkenntnis ist nicht falsch – das Leben ist endlich. Aber seine Schlussfolgerung ist es: „Also lohnt es sich nicht." Als ob Endlichkeit Bedeutung ausschließen würde.

In „The Sinner" heißt der Prophet Nick Haas. Er ist charismatisch, gescheitert, und hat seinen College-Freund Jamie in Nietzsche eingeweiht. „Gott ist tot", hat Nietzsche geschrieben – und Nick übersetzte das so: „Also gibt es keine Moral. Also müssen wir den Übermenschen werden, der seine eigene Moral erschafft und die Angst besiegt." Nick und Jamie nannten sich selbst „Übermenschen". Sie sprangen von Brücken. Sie ließen sich gegenseitig lebendig begraben. Sie stachen sich Messer durch die Hand – in der Öffentlichkeit, als Statement.

Beide, Pierre Anthon wie Nick Haas, sind das, was man heute „Edgelords" nennen würde. Menschen, die Philosophie als Coolness-Maske tragen. Die provozieren, um zu provozieren. Die Nihilismus nicht als Problem begreifen, sondern als Identität. Und die andere mit hineinziehen.

Ein kurzer Exkurs zu Nietzsche (weil ich ihn faszinierend finde, als Menschen und als Philosophen):

Friedrich Nietzsche hat nie geschrieben: „Gott ist tot, also macht, was ihr wollt." Im Gegenteil. Als er in „Die fröhliche Wissenschaft" den berühmten Satz schrieb – „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!" –, war das keine Jubelverkündung. Es war eine Warnung vor einer kommenden Krise der Moral: einer Welt, in der Menschen keine moralischen Ankerpunkte mehr haben. Und er wusste, wie gefährlich das ist.

Nietzsche lebte selbst in permanenter Krise. Chronische Schmerzen, Einsamkeit, später der Wahnsinn. Er kannte das Leiden. Und er wusste, wie verlockend es ist, ins Nichts zu fallen, wenn die alten Werte zerbrechen. Deshalb schrieb er über den „Übermenschen" – nicht als Rechtfertigung für Gewalt, sondern als Antwort auf die Krise.

Sein „Übermensch" sollte neue Werte schaffen – durch Disziplin, Schöpferkraft, Verantwortung. Nicht durch Dominanz. Nietzsche meinte Selbstüberwindung, nicht Herrschaft über andere. „Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie", schrieb er. Das ist das Gegenteil dessen, was Pierre Anthon und Nick aus ihm machen. Sie lesen Nietzsche als Rechtfertigung für Nihilismus. Aber Nietzsche war kein Nihilist. Er war ein Anti-Nihilist.

Aber das steht nicht auf den Seiten, die man sich als College-Student rauspickt. Pierre Anthon und Nick Haas haben Philosophie selektiv gelesen. Sie haben die „coolen" Teile genommen und die Verantwortung weggelassen. Das ist philosophisches Cherry-Picking. Und es endet in Gewalt.

III.

Der eigentliche Horror liegt darin, was passiert, wenn niemand eingreift.

In „Nichts" hören die Erwachsenen, was Pierre Anthon sagt. Die Lehrer wissen Bescheid. Die Eltern wissen Bescheid. Aber niemand tut etwas. Man hofft, dass es sich von selbst erledigt.

Also beschließt die Klasse: Wir beweisen ihm, dass etwas eine Bedeutung hat.

Sie bauen einen „Berg der Bedeutung". Am Anfang sind es Kleinigkeiten. Aber dann wird klar: Wenn ich etwas opfere, das mir nicht wirklich wichtig ist, zählt es nicht. Also muss das nächste Opfer härter sein. Die Klasse fängt an, füreinander zu entscheiden, was geopfert werden muss.

Niemand sagt Nein. Weil niemand als Schwächling dastehen will. Weil die Gruppe es will.

Und Agnes, die Erzählerin? Sie macht mit. Sie schaut zu. Sie wird mitschuldig – nicht durch Tat, sondern durch Passivität. Das ist vielleicht der erschreckendste Teil: Sie alle wissen, dass es falsch ist. Aber niemand hat den Mut, die Grenze zu ziehen. Jeder wartet darauf, dass jemand anderes eingreift. Jeder glaubt, dass es nicht so schlimm werden kann.

Und während alle warten, wird es schlimmer.

Das ist der Mechanismus: Eskalation durch Gruppe. Jemand setzt eine Grenze. Die Gruppe verschiebt sie. Die nächste Grenze wird überschritten. Und irgendwann gibt es keine Grenzen mehr.

In „The Sinner" läuft es ähnlich, nur zwischen zwei Menschen. Jamie hatte sich aus Nicks Einfluss gelöst. Er war erwachsen geworden, hatte geheiratet, wurde Lehrer, erwartete ein Kind. Aber dann rief er Nick an. Warum? Weil er Angst hatte. Angst vor der Verantwortung. Angst vor der Bedeutungslosigkeit.

Nick kommt zurück. Und mit ihm kommen die alten Rituale. Das Papierorakel. Die Mutproben. Die Philosophie-Gespräche. Aber Nick ist kein Philosoph – er ist ein Manipulator. Fast ein Kultführer. Und Jamie, im guten Glauben, lässt sich hineinziehen. Er glaubt, es gehe um Wahrheit. Dabei geht es nur um Nicks Macht.

Es gibt einen bekannten Blockbuster, „Fight Club", der ein ähnliches Muster zeigt. Männer, die sich langweilen. Die ihr Leben als sinnlos empfinden. Die Orientierung durch Gewalt suchen. „Wie viel kannst du über dich selbst wissen, wenn du nie in einem Kampf warst?", fragt die Hauptfigur. Und Jamie und Nick fragen: „Wie viel kannst du über dich selbst wissen, wenn du dem Tod nie ins Gesicht gesehen hast?"

Die Antwort ist: gar nichts. Weil Schmerz nichts beweist.

IV.

Am Ende fällt die Maske. Und irgendwo dazwischen liegt der Punkt, an dem Sinn kippt: vom Bedürfnis nach Orientierung zur Angst vor Bedeutungslosigkeit. Vom Suchen zum Erzwingen. Von der Frage zum Kult.

Jamie stirbt – und bricht zusammen. Monatelang hat er über „Gott ist tot" philosophiert. Aber als es wirklich soweit ist, weint er. Er bettelt. Er schreit. Die ganze Nietzsche-Energie ist weg. Was bleibt, ist ein verängstigter Mann, der nicht sterben will.

Das ist die Wahrheit: Es ging nie um Philosophie. Es ging um Angst. Angst vor Bedeutungslosigkeit. Angst, dass man selbst nichts ist. Und statt diese Angst auszuhalten, statt sie zu benennen, wurde sie versteckt – hinter intellektuellen Spielen, hinter Ritualen, hinter Gewalt.

Jamie wollte nicht den Tod besiegen. Er wollte spüren, dass er existiert. Aber als er dem Tod tatsächlich ins Gesicht sieht, merkt er: Er will leben. Die ganze Zeit war es Angst.

In „Nichts" wird der Berg fertig. Die Klasse hat alles geopfert. Sie bringen ihn in ein altes Sägewerk. Und dann passiert etwas Absurdes: Der Berg wird als Kunstwerk entdeckt. Ein New Yorker Museum will ihn kaufen. Für Millionen.

Aber sobald der Berg zu Geld wird – sobald er kommerzalisiert, monetarisiert wird –, verliert er jede wahre Bedeutung.

Pierre Anthon schreit: „Wenn dieser Müllhaufen jemals etwas bedeutet hat, dann hat er aufgehört, etwas zu bedeuten, als ihr ihn für Geld verkauft habt."

Die Paradoxie: Die Klasse wollte beweisen, dass etwas wichtig ist. Aber Bedeutung lässt sich nicht beweisen. Sie entsteht nicht durch Opfer. Nicht durch Gewalt. Nicht durch Zurschaustellung. Sie entsteht im Tun, im Alltag, in den kleinen Gesten, die niemand sieht.

Pierre Anthon hatte teilweise recht: Sinn lässt sich nicht erzwingen. Aber er hatte auch unrecht: Sinn existiert trotzdem. Nur nicht so, wie er – oder die Klasse – ihn gesucht hat.

V.

Was also trägt wirklich?

Nicht der Berg. Nicht das Papierorakel. Nicht die inszenierte Philosophie. Was trägt, ist das, was bleibt, wenn der Schmerz nachlässt.

In „The Sinner" gibt es eine Nebenfigur: Sonya, eine Künstlerin. Sie sagt etwas, das den Kern trifft: „Männer wollen Intimität, genauso wie alle anderen. Sie sehnen sich danach. Aber sie werden gelehrt, dass Verletzlichkeit Schwäche ist. Und das ist kulturell traumatisch."

Jamie und Nick – und auch Pierre Anthon – haben Angst vor Verletzlichkeit. Vor dem Eingestehen, dass sie nicht wissen, was der Zweck des Lebens ist. Vor dem Eingestehen, dass sie Hilfe brauchen. Also spielen sie Stärke. Sie spielen Philosophie, um nicht fühlen zu müssen. Und dabei zerbrechen sie.

Sinn entsteht nicht durch Opfer. Sinn entsteht durch Beziehung. Durch die Hand, die man hält. Durch die Verantwortung, die man übernimmt – nicht weil es etwas beweist, sondern weil es richtig ist.

Resilienz ist nicht: Ich ertrage den Schmerz, also bin ich stark.

Resilienz ist: Ich halte den Schmerz aus, weil ich nicht allein bin. Weil es Menschen gibt, die mich auffangen. Weil es Gründe gibt weiterzumachen, auch wenn nichts davon kosmische Bedeutung hat.

VI.

Vielleicht brauchen wir solche Geschichten. Nicht, um uns wohlzufühlen, sondern um zu sehen, wohin der Hunger nach Sinn führen kann, wenn er sich verselbstständigt. Um zu verstehen, wie schnell Gruppendynamik kippt. Wie gefährlich es ist, Jugendliche mit existenziellen Fragen allein zu lassen.

Tellers Buch wurde zunächst in Dänemark verboten. Zu brutal, sagten Eltern und Pädagog*innen. Dann wurde es preisgekrönt. Später sogar zur Pflichtlektüre erklärt. Übersetzt in 36 Sprachen.

Das allein sagt etwas: Was uns zuerst verstört, wird dann unverzichtbar. Weil es wahr ist. Weil es zeigt, wie Moral erodiert, wenn niemand eingreift.

„The Sinner" Staffel 3 spaltete das Publikum. Manche fanden die Serie brillant. Andere sagten: „Zu philosophisch." Aber diejenigen, die sich darauf einließen, sagten: „Das hat mich nicht losgelassen. Das hat mich verfolgt."

Gute Kunst muss nicht trösten. Sie muss nur wahr sein. Und manchmal ist Wahrheit härter als Schutz.

„Was ist der Sinn des Lebens?" ist keine Frage, die man verdrängen kann. Sie kommt. In der Pubertät. Nach Verlusten. In Krisen. Und wenn wir dann keine ehrlichen Antworten haben – keine, die Zweifel zulassen –, dann suchen sich Menschen ihre eigenen. Und manchmal sind diese Antworten gefährlich.

Pierre Anthon, Jamie, Nick – sie sind Symptome. Sie sind Menschen, die mit existenziellen Fragen allein gelassen wurden. Niemand hat ihnen gesagt: „Es ist okay, dass du das fühlst. Und es gibt Wege da durch."

Was, wenn das Leben tatsächlich endlich ist, manchmal grausam, oft zufällig? Was dann?

Dann ist die Antwort nicht: „Also lohnt es sich nicht." Die Antwort ist: „Gerade deshalb lohnt es sich." Weil Bedeutung nicht trotz Endlichkeit existiert, sondern wegen ihr. Weil wir nur dieses eine Leben haben. Weil jede Geste zählt, gerade weil sie vergänglich ist.

VII.

Ich habe in meinem eigenen Leben oft mit Sinnkrisen gerungen. Mit der Frage: Warum weitermachen, wenn alles irgendwann endet?

Die Antwort, die ich gefunden habe, ist keine philosophische. Sie ist praktisch: Weil es Menschen gibt, denen ich etwas bedeute. Weil es Dinge gibt, die ich tun kann, die anderen helfen. Weil Bedeutung nicht im Kopf entsteht, sondern in der Welt. Im Handeln. Im Dasein.

Kein Berg. Kein Orakel. Keine Performance.

Nur: Aufstehen. Weitermachen. Die Hand halten, die meine hält.

Das ist nicht heroisch. Das ist nicht philosophisch. Aber es ist genug.

Pierre Anthon hatte unrecht. Jamie und Nick hatten unrecht. Nicht, weil das Leben objektiv Sinn hat. Sondern weil sie dachten, Sinn müsse bewiesen werden. Oder erzwungen. Oder inszeniert.

Aber Sinn ist kein Berg. Sinn ist kein Spiel. Sinn ist das, was passiert, wenn wir aufhören, danach zu suchen – und anfangen, ihn zu leben.


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Herzliche Grüße
Dorian Rammer

Texte, die bleiben. Über das, was uns trägt, was uns bricht – und was dazwischen liegt.

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