Warum Wissen allein nicht genügt – Über destruktive Muster und den langsamen Weg der Heilung

Neurobiologie und das Paradox von Erkenntnis und Wiederholung – warum Heilung kein Denken, sondern vor allem ein Fühlen erfordert. Über Depression, Angst, Sucht – und das Ringen um Verständnis.

Henry Fuselis The Nightmare – ein Gemälde über das Unterbewusste, Angst und den inneren Druck zwischen Kontrolle und Ohnmacht: Schlafende Frau, bedrückt von einem nächtlichen Traumunhold.
The Nightmare, 1781, Henry Fuseli – ein Sinnbild über die Traumwelt, das Unterbewusste, Angst und den inneren Druck zwischen Kontrolle und Ohnmacht.
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Audioversion des Textes – gelesen von Dorian Rammer.
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Ich weiß oft genau, was ich tue – manchmal schon Sekunden davor. Ich erkenne das Muster, sehe den Auslöser, verstehe die ganze Mechanik dahinter. Und trotzdem passiert es. Ich stehe mir selbst im Weg, in Echtzeit, unfähig, die Hand auszustrecken, als würde ich mir beim Stolpern zusehen.

Das ist vielleicht das Tragischste: zu verstehen, und gleichzeitig doch "gefangen" zu sein. Nicht anders zu können.

Fast ein Jahrzehnt beschäftige ich mich jetzt intensiv – ob freiwillig oder unfreiwillig – mit destruktiven Mustern, Depression und Substanzkonsum. (Letzterer wurde irgendwann klar benennbar als das, was er war: Sucht.) Autodidaktisch, therapeutisch, fachlich. Ich kann inzwischen neurobiologisch erklären, warum mein Körper in bestimmten Situationen Alarm schlägt; dass vieles aus alten Schutzmechanismen stammt, weiß ich auch. Das limbische System, Dopamin, Cortisol, die Verzögerung zwischen rationalem Denken und emotionaler Reaktion – alles bekannt.

Und trotzdem schaffe ich es nicht einfach so, den Hebel umzulegen.

Warum das passiert

Sucht oder selbstzerstörerische Muster sind selten reiner Drang oder Willensschwäche. Sie sind Bewältigungsstrategien, die irgendwann funktioniert haben – bis sie kippten.

Der Körper merkt: Das bringt Ruhe. Oder Energie. Oder ein Gefühl von Kontrolle, wenn sonst alles außer Kontrolle gerät. Das Gehirn speichert: So regulierst du dich. Mit der Zeit wird daraus eine eingebrannte Automatik.

Neurowissenschaftlich betrachtet ist das eine Verknüpfung zwischen dem Stress- und dem Belohnungssystem: Jedes Verhalten, das kurzfristig inneren Druck oder Unruhe mindert – selbst wenn es schadet – löst eine Dopaminreaktion aus. Je öfter man darauf zurückgreift, desto tiefer gräbt sich das Muster ein. Das Gehirn speichert nicht den Schmerz, sondern die Lösung, die ihn betäubt hat.

Deshalb ist Sucht kein moralisches Problem, sondern ein Lernproblem des Nervensystems – ein System, das keine Ethik kennt, nur Gewöhnung. Und man verlernt es nicht durch reine Einsicht, sondern nur durch neue Erfahrungen, die sicherer, nachhaltiger und qualitätsvoller sind als die alten.

Das gilt auch für Depression

Auch bei Depression kennt man die Ratschläge. Rausgehen, Tageslicht, Bewegung, soziale Kontakte. Man weiß, dass es helfen würde. Aber das Wissen bringt einem keinen Schritt vor die Tür, wenn der Körper sich anfühlt wie Blei.

Wenn jede Bewegung Überwindung kostet, die man nicht hat. Wenn man sich nur noch vergraben will im Bett, Netflix laufen lassen, Nachrichten ignorieren, Anrufe nicht beantworten, alles ausblenden. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil der Körper in diesem Moment keine "Belohnung" aus Aktivität ziehen kann, keinen Sinn darin sieht – nur Anstrengung.

Bei Depression ist das Belohnungssystem herunterreguliert, das rationale Steuerungszentrum unteraktiv, die Alarmzentrale hyperaktiv. Das Gehirn ist in einem anderen Modus. Und in diesem Modus wirken rationale Ratschläge wie Anweisungen in einer Fremdsprache – man versteht die Worte, aber der Körper kann sie nicht übersetzen.

Es ist kein "ich hab keinen Bock", sondern: Der Körper funktioniert nicht. Körperhygiene und Duschen fühlen sich an wie ein Marathon, Post bleibt liegen, schmutziges Geschirr stehen. Der Körper kann nicht geben, was er nicht hat – es ist kein Motivationsproblem, sondern ein System, das heruntergefahren ist.

Und dann kommt die Scham dazu, weil man weiß, dass es "nur" im Kopf ist, weil andere denken, man müsste sich ja lediglich zusammenreißen. Aber Depression ist keine Willenssache. Sie ist ein neurobiologischer Zustand – und in diesem Zustand sind gute Ratschläge nur nett gemeinter Lärm.

Querverbindungen und unterschiedliche Wege

Bei vielen Menschen, auch bei mir, hängt das zusammen. Trauma, Depression, Substanzkonsum, Angststörungen – sie verstärken sich gegenseitig, bilden ein Netz, aus dem man nicht einfach herausklettern kann, nur weil man die Fäden sieht.

Kindheitstraumata, lieblose Erziehung, Gewalt, fehlende sichere Bezugspersonen, Vernachlässigung – das alles verändert das Nervensystem nachhaltig. Es prägt, wie man mit Stress umgeht, wie man sich selbst reguliert, wie schnell man in Überlebensreaktionen kippt. Bei vielen wird daraus Selbstmedikation: Man lernt, Substanzen zu nutzen, um tief sitzenden Schmerz zu betäuben. Und das ist eine der schwierigsten Formen, weil man nicht nur gegen die Substanz kämpft, sondern gegen das, was sie abdeckt. Das "Loch", das man mit der Substanz zu füllen versucht.

Aber es gibt auch andere Wege in die Sucht. Menschen aus stabilen Verhältnissen, die ein Lebensereignis erleben, einen Schicksalsschlag, eine Krise – und plötzlich stecken sie fest. Manche rutschen rein, ohne dass sie es kommen sehen. So schnell kann man gar nicht schauen, intensiviert sich die Dynamik, und man hockt tief drin, gefangen.

Sucht ist nicht immer Trauma-Folge. Manchmal ist sie das Ergebnis einer neurobiologischen Disposition plus ungünstiger Umstände. Trotzdem: Für viele ist es eine Kombination. Und dann kämpft man nicht nur gegen eine Sache, sondern gegen ein ganzes, unüberschaubares Meer aus Mustern, die sich gegenseitig füttern, verstärken und ergänzen.

Das Paradox: Wissen und trotzdem fallen

Wenn ich nüchtern bin, sehe ich das glasklar. Ursachen benennen, Mechanismen erklären, Zusammenhänge analysieren – kein Problem. Aber in der nächsten Krise, in der falschen Nacht, im ungünstigen Moment, greift ein älterer Teil von mir nach dem Bekannten. Nicht, weil er will, dass ich scheitere – sondern weil er glaubt, mich zu schützen.

Wobei "schützen" hier nicht edel gemeint ist. Es geht darum: Die Kontrolle abgeben. Den Kopf frei bekommen. Sich endlich mal wieder kurz gut fühlen. Man lernt über die Zeit, Substanzen als Hilfsmittel auszunutzen – und das ist tückisch. Denn gleichzeitig docken sie im Gehirn an, und wenn man einmal "eng" mit ihnen geworden ist, lassen sie einen nicht mehr so leicht los. Deshalb ist die Rückfallquote ja auch so extrem hoch. Es geht nicht nur um Gewohnheit, sondern um neurochemische Veränderungen, die das Gehirn nachhaltig prägen.

In mir sind zwei Stimmen. Die eine will Heilung, Stabilität, Klarheit. Die andere will Ruhe, Flucht, Intensität – und sie ist viel älter, aus einer Zeit, in der ich keine besseren Werkzeuge hatte. Die eine spricht in Argumenten, die andere in Reflexen.

Das ist der Konflikt, mit dem ich lebe. Wenn ich das erkenne, verschwindet die Scham, und an ihre Stelle tritt Verantwortung – nicht im Sinne von Schuld, sondern von: Ich weiß, was in mir passiert, und kann neu wählen. In der Theorie jedenfalls. Denn das rationale Steuerungszentrum versteht, aber das emotionale System reagiert oft schneller, greift auf alte Pfade zurück, lange bevor der Verstand eingreifen kann.

Neue neuronale Bahnen entstehen nur durch Wiederholung unter Sicherheit. Solange der Körper sich nicht sicher fühlt, wählt er die alten, bekannten Wege. Deshalb wirken Rückfälle von außen irrational, sind aber auf der Ebene des Nervensystems völlig logisch. Das Gehirn braucht viele Wiederholungen neuer Erfahrungen, bis sie stärker und aussagekräftiger werden als die alten Muster. Darum fühlt sich der Weg manchmal so zäh an – aber genau da, wenn auch schleichend, passiert Veränderung.

Für mich persönlich liegt das Bittere darin, dass ich mein Verhalten mit klarem Blick sehe, fast analytisch, während es passiert sowie rundherum. Dieses Gefühl, sich selbst beim Scheitern zuzusehen. Das gilt für Substanzkonsum genauso wie für Depression: Man sieht sich beim Vergraben, beim Ausblenden, beim Nicht-Antworten. Man weiß, dass es nicht hilft. Aber der Körper macht trotzdem weiter, weil er gerade keine andere Strategie abrufen und nicht anders kann.

Manchmal bin ich zwei Menschen – einer denkt, der andere reagiert. Und der Reagierende ist stärker, älter, fester verankert und routinierter. Er ist entstanden, als Denken noch keine Option war.

Das ist die Phase danach, von der niemand spricht: Nicht mehr voll drin, noch nicht frei. Hier lernt das Gehirn neu, was Sicherheit bedeutet. Jedes Mal, wenn ich kurz innehalte statt impulsiv zu reagieren, trainiere ich einen neuen Pfad. Es ist kein Sprint. Es ist ein Marathon, bei dem man manchmal zurückfällt.

Was Außenstehende verstehen sollten

Wenn Menschen an "Süchtige" oder "Alkoholiker*innen" denken, denken sie oft in Schubladen. An Menschen am Rand der Gesellschaft, an sichtbares Elend. Aber die Realität ist so viel breiter.

Viel mehr Menschen sind betroffen, als man denkt. Der Kollege, der fast jeden Abend mindestens eine Flasche Wein trinkt. Die Freundin, die regelmäßig rezeptpflichtige Schlaftabletten braucht. Der Bruder, der sich mit Cannabis quasi durch den Tag bringt. Die Studentin, die Modafinil, Amphetamine o.ä. nimmt, um zu funktionieren und dem Leistungsdruck standzuhalten. So viele Ärzt*innen, die Medikamente selbst missbrauchen.

Und manche stecken tiefer drin, als sie selbst wissen. Weil Sucht schleichend kommt, sich normalisiert. Weil man denkt, man hat's ja eh unter Kontrolle – bis man's aber eben nicht mehr hat.

Rückfälle sind kein Beweis von Gleichgültigkeit. Selbstzerstörung ist selten Zerstörungswille. Vielmehr ist sie oft fehlgeleitete "Fürsorge", der Versuch, einen inneren Zustand auszuhalten – manchmal zu überleben.

So viele, die mich lange begleiten – Freund*innen, Familie, mein Vater, Leute, die meine Arbeit verfolgen – fragen sich vielleicht, wie man nach Jahren der Therapie, des Wissens, des Reflektierens immer wieder mal in alte Muster zurückfallen kann. Die Antwort ist unbequem einfach: Weil das Gehirn langsam und stockend lernt. Weil Heilung weniger kognitiv als körperlich ist.

Ich versuche, mich nicht mehr mit meinem Symptom zu verwechseln. Nicht jeder Rückfall ist einfach nur ein Rückschritt. Manchmal ist er Kommunikation, ein Signal, dass etwas in mir noch überfordert ist. Wenn ich das erkenne, kann ich (hoffentlich richtig) reagieren – nicht mehr mit Verachtung, sondern mit Verständnis. Das ist kein Freibrief, sondern der einzige Weg, alte Programme zu überschreiben und weiterzumachen.

Schluss

Wissen ist wichtig. Wissen macht sichtbar, was vorher im Dunkeln lag. Aber Heilung entsteht erst, wenn der Körper glaubt, fühlt, weiß, dass er sicher ist.

Solange dieser Glaube fehlt, bleibt Wissen nur Theorie – klar, aber machtlos.

Ich weiß das. Und ich übe. Jeden einzelnen Tag.

Und mehr als alle mir umgehängten Vorwürfe von außen: Manchmal ist das Schwierigste, sich selbst zu vergeben. Heilung ist kein Zustand, den man erreicht und dann abhakt. Sie ist vielmehr eine Übung, bei der man immer wieder versagt – und die man sich trotzdem nicht erlauben kann aufzugeben.


Texte, die bleiben. Über das, was uns trägt, was uns bricht – und was dazwischen liegt.

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