The Greatest Teacher Failure Is

Yoda lehrt, dass Scheitern kein Makel ist, sondern Lernmaterial. Dieser Essay verknüpft Star Wars, Statistik und persönliche Erfahrung – über das Lernen aus Fehlern, den Blick auf das Verborgene und die Kraft, aus Bruchstellen zu wachsen.

Film-Screenshot aus The Last Jedi (Star Wars)
© Disney / LucasFilm
„Pass on what you have learned — strength, mastery… but weakness, folly, failure also. (...) The greatest teacher, failure is. Luke, we are what they grow beyond. That is the true burden of all masters.“
– Yoda zu Luke Skywalker, The Last Jedi

Diese Szene hat mich fasziniert. Nicht, weil ich Star-Wars-Fan bin, sondern weil Yoda in 90 Sekunden ausspricht, was mir früher niemand so wirklich gesagt hat:
Scheitern ist keine Panne, kein Weltuntergang – sondern die Grundbedingung für Wachstum.

Luke steht im Film vor den brennenden Jedi-Schriften und will alles auslöschen – Tradition, Fehler, sich selbst. Yoda lacht. Nicht zynisch, sondern befreiend. „Page-turners, they were not.“ Die heiligen Texte? Zweitrangig. Entscheidend ist die lebendige Weitergabe: Stärke, Weisheit – und Schwäche, Torheit, Versagen. Vor allem Letzteres.

Ich habe zu oft das Gegenteil gelernt. In so vielen Bereichen meines Lebens: Fehler wurden vertuscht, Schwäche galt als Makel, und wer scheiterte, verschwand aus dem Blickfeld.
Das Problem daran? Wer nur auf Erfolg schaut, übersieht die Mechanik dahinter.


Die Flugzeuge, die nicht zurückkamen

Was wir sehen, ist selten das ganze Bild.

Im Zweiten Weltkrieg verlor die US-Luftwaffe zu viele Bomber. Naheliegende Lösung: die zurückgekehrten Maschinen als Vorlage nehmen, ihre Einschusslöcher verstärken – und hoffen, dass es hilft.

Es half nicht.

Einzig der Statistiker Abraham Wald stellte die Frage, die den Unterschied ausmachte: Was ist mit den Flugzeugen, die nicht zurückkamen? Wenn ein Bomber trotz Treffern an Rumpf und Flügeln heimfliegt, sind diese Zonen offenbar nicht kritisch. Die abgeschossenen Maschinen wurden sehr wahrscheinlich dort getroffen, wo die Überlebenden keine Löcher aufweisen – Cockpit, Triebwerke, Treibstoffleitungen.

Wald drehte die Logik um: Panzert die unsichtbaren Schwachstellen, nicht die sichtbaren Narben. Die Überlebensrate stieg deutlich.

Das nennen wir Survivorship Bias: Wir sehen die Überlebenden, ignorieren die Ausfälle, überschätzen Können, unterschätzen Zufall – und bauen Strategien auf halben Daten.


Was das mit uns zu tun hat

Ich habe diesen Denkfehler an mir selbst erlebt. Nach meinem Suizidversuch, nach finanziellem Kollaps, nach Jahren mit Sucht und im Teufelskreis dachte ich: Ich war der abgeschossene Bomber. Niemand schaut auf mich, niemand lernt aus meinem Wrack. Nicht einmal ich selbst.

Die Wahrheit ist eine andere.

Meine Fehler – die Beziehungen, die ich ruiniert habe; die Jobs, die ich verlor; die Nächte, in denen ich nicht wusste, ob ich aufwachen will – das sind die Daten, die fehlen. Nicht, weil sie spektakulär wären, sondern weil sie systematisch ausgeblendet werden.

Wir leben in einer Kultur, die Erfolgsgeschichten fetischisiert. LinkedIn-Durchbrüche, Sixpack-Reels, Keynotes von Menschen, die „es geschafft haben“.
Wo sind die Geschichten der anderen 95 Prozent?
Die, die scheitern und wieder aufstehen – nicht aus Heroismus, sondern weil es keine Alternative gibt?

Yoda sagt: „We are what they grow beyond.“ Weitergeben heißt also nicht nur, Erfolge zu teilen, sondern Fehler sichtbar zu machen, damit andere darüber hinauswachsen können.


Ein anderer Blick – ein anderes Ergebnis

Was für Menschen gilt, gilt auch für Systeme.

Wenn wir im Alltag, in Politik und Gesundheitsversorgung nur auf die „Funktionierenden“ schauen, bauen wir Systeme für Menschen, die sie am wenigsten brauchen.

Obdachlose, die im Winter erfrieren? Einschusslöcher, die niemand zählt.
Suchtkranke ohne Therapieplatz? Unsichtbare Wracks.
Kinder aus gewalttätigen Familien, die in keiner Statistik auftauchen? Verborgene Schwachstellen.

Abraham Wald rettete nicht die Held*innen – er rettete die Logik. Er schaute auf das, was fehlt. Und genau das brauchen wir: Aufmerksamkeit für das Abwesende. Für die verstummten Stimmen. Für die Wracks, aus denen man noch lernen kann.

Das ist kein Altruismus. Das ist Strategie.
Eine Gesellschaft, die ihre Schwächsten ignoriert, verstärkt die falschen Stellen – und wundert sich über steigende Verluste.


Was bleibt

Yoda verbrennt die Jedi-Schriften. Nicht aus Nihilismus, sondern aus Liebe zum Lebendigen. Texte sind tot, wenn sie nicht weitergegeben werden – mitsamt Widersprüchen, Fehlern, offenen Enden.

Ich schreibe nicht, weil ich „es geschafft habe“. Ich schreibe, weil ich Einschusslöcher trage, die andere nicht sehen wollen. Vielleicht hilft es jemandem, wenn ich zeige, wo sie sind.

Versagen ist kein Makel. Es ist Material – aus dem wir unsere Menschlichkeit formen.

Vielleicht ist das Yodas Punkt: Aus unseren Rissen wachsen andere weiter – und genau darin liegt Sinn.


Texte, die bleiben. Über das, was uns trägt, was uns bricht – und was dazwischen liegt.

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