Suchtbetroffene: Warum wir ein ehrlicheres Wort brauchen
Sucht ist kein Wesensmerkmal. Sie ist ein Muster, das viele von uns kennen – leise, funktional, alltäglich. „Suchtbetroffene“ ist der ehrlichere Begriff dafür: klarer, menschlicher, präziser.
Es gibt Wörter, die einen Menschen auf ein einziges Merkmal reduzieren. „Süchtiger", „Alkoholiker", „Junkie" – sie klingen wie Diagnosen, wie abwertende Urteile, wie etwas Endgültiges. Als wäre die Person dahinter verschwunden, als würde die Substanz das ganze Wesen definieren.
Ich verwende diese Begriffe nicht. Nicht aus falscher Vorsicht, nicht aus Political Correctness, sondern weil sie ungenau sind, weil sie Schubladen aufmachen, die niemand verdient, und weil sie ein Denkmuster zementieren, das der Realität nicht entspricht.
Ich spreche von Suchtbetroffenen.
Das ist keine Weichspülung, sondern Präzision. Denn dieser Begriff trennt den Menschen vom Muster: Suchtbetroffen – das heißt: Ein Mensch nutzt ein externes Mittel, um etwas zu regulieren, das er ohne dieses Hilfsmittel schwerer regulieren kann. Das ist Sucht, nicht mehr, nicht weniger – kein Wesensmerkmal, keine Identität, sondern eine Dynamik.
Warum Begriffe Realität schaffen
Wenn ich „Alkoholiker" sage, passiert etwas im Kopf meines Gegenübers. Automatisch. Oft unbewusst. Ein Bild entsteht: jemand, der verwahrlost ist, der nicht mehr funktioniert, der „anders" ist als wir. Jemand, zu dem ich Distanz schaffe – auch wenn ich es gar nicht will.
Das ist Schubladendenken, und es funktioniert, ohne dass wir es böse meinen.
Die Wahrheit ist: Die meisten Suchtbetroffenen sehen nicht aus wie das Klischee. Sie arbeiten, lieben, tragen Verantwortung. Sie trinken zwei Gläser Wein jeden Abend oder drei Kaffee jeden Morgen. Sie ziehen am Wochenende eine Line oder scrollen sich in den Schlaf.
Sucht ist oft kein Absturz, sondern ein Ritual, eine Stabilisierung, ein Hilfsmittel.
Was Sucht wirklich ist
Wir denken bei Sucht an Extreme: Kontrollverlust, Verfall, Zerstörung. Aber das ist nur ein Teil des Bildes.
Sucht beginnt nicht mit dem Zusammenbruch, sondern mit der Erleichterung – mit dem Moment, in dem etwas, eine Substanz oder ein Verhalten, eine Spannung löst. Stress dämpft. Leere füllt. Schmerz betäubt. Und weil es funktioniert, wird es wiederholt. Weil es wiederholt wird, entsteht ein Muster. Und irgendwann ist dieses Muster so tief eingeschliffen, dass es sich anfühlt wie ein Teil von einem selbst.
Das passiert bei Alkohol, bei Kokain, bei Cannabis. Aber auch bei Kaffee, bei Social Media, bei Arbeit, bei Sport, bei Essen. Die Mechanik ist dieselbe – die Intensität und die Konsequenzen unterscheiden sich, aber die Grunddynamik bleibt.
Das Beispiel Freud
Sigmund Freud war brillant. Reflektiert. Hochsensibel. Und er hat über Jahre Kokain konsumiert – nicht exzessiv, nicht eskalierend, aber regelmäßig. Als Stimulans. Als Stimmungsaufheller. Als Selbstmedikation.
Er nutzte es zur Stimmungsregulation. Griff darauf zurück, wenn er belastet war. Empfand klare Vorteile. Wollte die positive Wirkung wiederholen. Hörte nicht sofort auf, als Kritik kam. Unterschätzte das Risiko. Rationalisierte den Konsum.
Genau das zeichnet Sucht aus: irgendwann wird's zum Hilfsmittel.
Freud war kein „Junkie", aber er war ein Suchtbetroffener. Menschen mit bestimmten Ressourcen – sozialer Einbettung, Selbstreflexion, Struktur – können länger funktional bleiben. Sie kippen nicht sofort. Sie zerstören ihr Leben nicht. Aber auch nur bis zu einem gewissen Punkt. Kein Mensch kann eine Substanz unbegrenzt in sein Leben integrieren, ohne dass sie eine Funktion übernimmt, die irgendwann zu groß wird.
Gerade weil Freud funktional blieb, zeigt sein Beispiel, wie leise Sucht sein kann – und wie leicht sie übersehen wird.
Das Kaffee-Beispiel
Ich sage das bewusst provokant: Drei Kaffee am Tag sind eine Sucht.
Der Körper gewöhnt sich schnell daran. Es geht einem ab. Man „braucht's", um in der Früh gut gelaunt und fit zu werden. Wenn man eine oder zwei Wochen stattdessen nur Tee und Wasser trinkt, funktioniert der Körper auch so wieder voll fit von allein.
Das ist Sucht – nicht dramatisch, nicht destruktiv, aber eine klare körperliche und psychische Bindung an ein externes Mittel zur Regulierung.
Und genau hier wird deutlich, warum ein sachlicher Zugang ohne subtil vorurteilende Begriffe so wichtig ist: Inklusion und Bewusstmachung schaffen Verständnis. Vom Kaffee über Social Media und Arbeit bis zu Alkohol, Cannabis, Kokain – das Spektrum ist breit, die Auswirkungen graduell verschieden.
Viele merken ihr Muster gar nicht, weil Sucht im Alltag unsichtbar ist, weil sie funktioniert, weil sie nicht dramatisch wirkt.
Das Schönreden gehört dazu
Dass sich Suchtbetroffene ihren Konsum schönreden, ist glasklar, nachvollziehbar und immer so. Nicht manchmal. Immer.
Das ist kein Charakterfehler, sondern ein neuropsychologischer Schutzmechanismus. Eine Substanz hilft und schadet gleichzeitig – diese Spannung ist psychisch kaum auszuhalten. Also wählt das Nervensystem die Version, die kurzfristig Sicherheit gibt: „Ich hab das im Griff.", „Bei mir ist das anders.", „Ich brauch’ das nur zum Entspannen."
Und das betrifft nicht nur „die anderen". Das betrifft jeden, der morgens sagt: „Ich brauch erst mal einen Kaffee" und sich ohne müde fühlt. Jeden, der abends „nur ein Glas" trinkt und bei einer Woche Pause merkt, wie schwer das fällt.
Das System macht uns anfällig
Die Gesellschaft selbst produziert Suchtmuster. Konzerne entwickeln Produkte, die süchtig machen sollen. Social Media wird psychologisch so gebaut, dass es unser Belohnungssystem einfängt. Werbung zielt auf unsere Unsicherheiten, unsere Sehnsüchte. Gleichzeitig häufen sich die Krisen: Klima, Politik, Wirtschaft, soziale Fragmentierung. In diesem Kontext ist es quasi unmöglich, komplett außen vor zu bleiben.
Besonders bei härteren Substanzen – Alkohol, Kokain, Opiate – spielt die Neurochemie eine massive Rolle. Diese Substanzen greifen direkt in Hirnprozesse ein, die für Motivation, Belohnung und Stressregulation zuständig sind. Sie überschreiben buchstäblich das normale Funktionieren des Nervensystems. Menschen tragen dafür keine „Schuld" im klassischen Sinn – außer jene höchstens, die Produkte und Substanzen gezielt so feinjustiert schaffen, dass andere von ihnen massiv abhängig und selbstzerstörerisch werden.
Und hier entsteht ein grausames Paradox: Das Stigma und Tabu rund um Sucht macht es noch schwerer, sich Hilfe zu holen – gerade dann, wenn man aufgrund der Problematik ohnehin kaum fähig ist, sich Hilfe zu organisieren. Wer in einer Sucht steckt, hat oft nicht die Energie, die Klarheit, die Ressourcen, um sich durch ein Hilfesystem zu kämpfen. Die Scham kommt obendrauf. Die Angst vor Verurteilung.
Solange wir mit Begriffen wie „Süchtiger" arbeiten, schaffen wir Distanz statt Nähe. Solange wir Sucht als moralisches Versagen behandeln, halten wir Menschen davon ab, offen darüber zu sprechen – auch diejenigen, deren Lebensqualität massiv eingeschränkt ist, deren Sozialleben zusammenbricht, deren Finanzen kollabieren.
Das große Ganze sehen
Wer Sucht verstehen will, muss das große Ganze sehen: Ein Trauma in der Kindheit beeinflusst Beziehungen im Erwachsenenalter. Ökonomischer Druck führt zu psychischer Belastung, die zu Kompensation führt. Gesellschaftliche Strukturen, wirtschaftliche Bedingungen, politische Entscheidungen – all das wirkt zusammen.
Die sozialen Strukturen, die Menschen auffangen – oder eben nicht. Die wirtschaftlichen Bedingungen, die Stress erzeugen. Die politischen Entscheidungen, die Hilfe zugänglich machen – oder verschließen. Psychische Gesundheit ist auch eine gesellschaftliche Frage. Armut ist nicht nur „Eigenverantwortung", sondern Ergebnis struktureller Bedingungen.
Was eine andere Sprache bewirkt
Wenn ich sage: „Diese Person ist suchtbetroffen", sage ich nicht: schwach, kaputt, selbst schuld. Ich sage: Diese Person hat ein Muster entwickelt, eine Bewältigungsstrategie. Mehr nicht.
Diese Art der Sprache ist nicht nur für Sucht wichtig. Sie ist ein Modell dafür, wie wir über menschliche Probleme generell sprechen sollten – mit Präzision statt Polemik, mit Verständnis statt Verurteilung, mit dem Bewusstsein, dass hinter jedem Zustand eine Geschichte steht, und dass diese Geschichte nie nur eine individuelle ist.
Die größere Frage lautet: Wie schaffen wir eine Gesellschaft, die nicht systematisch Menschen in diese Muster treibt? Wie bauen wir Strukturen, die Überforderung abbauen? Wie entwickeln wir eine Kultur, die Verständnis möglich macht, statt Scham?
Suchtbetroffene sind nicht „die anderen". Suchtbetroffene sind wir – in vielen Formen, mit vielen Gesichtern.
Und wenn wir das verstehen, wenn wir das Spektrum sehen, die Vernetzungen erkennen, die Systeme hinterfragen – dann ist das der Anfang von etwas Größerem. Nicht nur einer neuen Sprache für Sucht, sondern einer neuen Art, die Welt zu sehen.