Spiritualität der Resonanz – Zwischen Feld und Figur

Rätselhafte Antworten der Welt, die in Musik, Blicken, Zufällen & Entscheidungen aufscheinen. Zwischen Weltseele (anima mundi), Trauma & Wunsch nach Halt entsteht eine Spiritualität, die Psychologie ernst nimmt, ohne Bedeutung zu verraten. Kein Dogma - ein Feld, das trägt & Fragen, die noch bleiben.

Ein Mensch, in die gleißende Sonne oder ein geballtes großes Ganzes übergehend
"Oneness - Melting into One" von Hartwig HKD

Es gibt Menschen, die glauben an einen Gott. Andere glauben an gar nichts. Und dann gibt es jene, deren Glaube nicht in eine dogmatische Schublade passt, sondern in einer bestimmten Art des Blicks liegt: Menschen, die wie ich z.B. ein Feld spüren, eine Gegenwart, eine "Intelligenz" in allem um uns – und die trotzdem wissen, dass diese Intelligenz kein Gesicht tragen muss, um wirksam zu existieren. Mein Glaube beginnt nicht mit einem Dogma, sondern vermutlich mit einem Bedürfnis: dem Wunsch, dass das Leben mehr ist als eine zufällige Ansammlung von Ereignissen. Dass die Natur nicht nur Kulisse ist, sondern Ausdruck. Dass Menschen, Tiere, Wälder, Städte, Sterne und Gedanken aus derselben Quelle hervorgehen: aus einem gemeinsamen Untergrund von Bedeutung.

Das alte Konzept der Weltseele – Anima mundi – beschreibt genau diese Intuition: Die Welt als durchgängiges Resonanzfeld, in dem alle Einzelteile verbunden sind und Zustände übertragen werden. Man muss das nicht rein mystisch lesen; es ist eine poetische Metapher dafür, dass psychische Prozesse nie isoliert sind. Eine Gesellschaft „atmet“ gemeinsam. Ein Individuum ist wie ein Nervenknoten im größeren Gewebe. Diese Sichtweise passt zu meiner "Arbeit" zu Trauma, Sucht, sozialer Zerbrechlichkeit und Polykrisen. Man ist nie allein verwundet. Während Trauma trennt, verbindet die Weltseele. Mein Schreiben bewegt sich permanent zwischen diesen beiden Polen: Sucht als oft missglückter Versuch, wieder Anschluss an dieses Feld zu finden – eine Suche nach Verbundenheit. Trauma hingegen als radikale Unterbrechung der Resonanz, durch die die Welt stumm wird. Resilienz bedeutet dann die Wiederherstellungsarbeit dieser Resonanz, individuell wie gesellschaftlich.

Mein Glaubenssystem hat zwei Modi, die sich abwechseln wie Licht und Schatten. Im Existenzmodus, wenn der Tag geordnet ist, denke ich nüchtern: Ein personaler Gott ist unwahrscheinlich. Religion erklärt historisch gewachsene psychologische Bedürfnisse. Es gibt ein Feld, ein größeres Muster – aber keine Person mit eigenem Willen. Im Krisenmodus jedoch, wenn ich körperlich bedroht bin oder Todesangst erfahre, taucht eine personale Gestalt von Gott auf. Das ist kein logischer Widerspruch, sondern ein psychologisches Muster: In extremen Zuständen aktiviert die Psyche automatisch ein personal schützendes Gegenüber. Gerade für Menschen mit CPTSD ist das kein „Fehler“, sondern eine Antwort auf ein Leben, das zu wenig Halt hatte. Der innere Alarm ruft nach einer Bezugsperson, auch wenn diese als archetypische Figur existiert. Wenn ich das „Größere“ denke, fühlt es sich wie ein Feld an Intelligenz an. Nicht wirklich personal, aber vielleicht doch als Ganzes in einem abstrakten Sinn wahrnehmend. Wir sind Wellen desselben Ozeans. Das Göttliche ist nicht irgendwo da draußen; es ist in uns, und wenn wir das erkennen, ändern sich unsere Handlungen von selbst: weg vom Ego, hin zur Liebe.

Jesus fasziniert mich in diesem Zusammenhang, aber nicht als exklusiver Sohn Gottes. Ich sehe ihn als das, was er historisch gesichert war: ein Lehrer, Prophet auf Wanderung und ein Revoluzzer, der sich gegen den damaligen Status quo stellte. Menschensohn, seine Selbstbezeichnung im Neuen Testament, finde ich treffend – wie ein Mensch, in dem sich "das Göttliche" maximal manifestiert hat. Er ist ein moralischer Archetyp für Integrität und radikales Mitgefühl. Er zeigt, dass das Universum sich in einer Person verdichten kann, ohne dass dies alle anderen abwertet. Wir alle tragen diesen Funken in uns. Aufgrund meiner psychischen Vergangenheit habe ich dennoch den Drang zur Personalisierung. Ich klammere mich an das Kreuz aus Olivenholz an meiner Kette; ich schätze seinen Geruch und die Ehrfurcht kühler Kirchenräume. Ob ich dort zu mir selbst spreche oder zum Universum, macht für den Halt, den es mir gibt, keinen Unterschied. Was ich jedoch ablehne, ist religiöse Performance. Wenn christliche Influencer aus Gott nur ein Produkt und aus dem Glauben ein Branding machen, ist das keine Nachfolge ihres biblischen Vorbilds, sondern Selbsterhöhung. Ich will lieber still wahrhaftig sein als laut scheinheilig. Ich prüfe Spiritualität am Charakter und am Umgang mit Macht und Verantwortung, nicht am Label.

Resonanz ist das Herzstück: Etwas antwortet, ohne zu sprechen. Ein Song oder ein Blick trifft mich „wie gerufen“; eine Entscheidung fühlt sich stimmig an, ohne dass ich sie erklären könnte. Das ist keine Magie, sondern ein Beziehungsfeld. Synchronizitäten sind für mich Zufälle mit Bedeutung – Muster, die die Psyche hervorhebt, aber auch echte Resonanzeffekte im Universum. Ich verbinde Psychologie und Spiritualität bewusst: Ich weiß, dass Beten auch Selbstregulation ist und Gott-Bilder Projektionen sein können. Aber das macht sie nicht unwahr. Psychologie erklärt das Wie, nicht das Ob. Ich will nicht in einem kalten Materialismus landen, der Bedeutung als Illusion abtut, denn das ist psychologisch oft krank machend. Menschen brauchen einen inneren Ort, der trägt. Ich bin Wundern gegenüber nicht verschlossen, auch wenn ich die Prior-Wahrscheinlichkeit für Eingriffe niedrig halte. Das ist keine Glaubenslosigkeit, sondern geistige Hygiene.

Schließlich gibt es (für mich gefühlt) die Unmöglichkeit des restlosen Verschwindens. Dass jemand nach einem Leben voller Verletzung und Mut einfach „weg“ sein soll, wäre ungerecht. Für mich ist der Wunsch, etwas zu hinterlassen, eine gesunde Antwort auf eine Kindheit, in der ich mich oft unsichtbar fühlte. Mein Vermächtnis soll der Beweis sein, dass ich mich nicht mehr aus der Welt schieben lasse. In diese Sichtweise fließen östliche Perspektiven ein: Das Tao, die Nicht-Dualität, Yin und Yang. Das Getrennte ist eine Illusion; wir sind Teil eines einzigen, verbundenen Seins. Auch Reinkarnation sehe ich nicht als persönliches Recycling, sondern als zyklisches Bewusstsein – ein Funke, der auftaucht und wieder verschwindet.

Ich kann diese Ambivalenzen halten. Ich kann durchaus gleichzeitig beten und zweifeln, psychologisch denken und spirituell fühlen. Das ist sicher keine Schwäche – die Fähigkeit, Spannung zu ertragen, ohne in Dogmen oder Zynismus zu flüchten, kann nur eine Stärke sein. Mein Glaube ist kein fertiges System, sondern ein offener Prozess: eine Welt, die nicht merklich spricht, aber antwortet. Und ein Feld, das mich nachhaltig trägt.


Texte, die bleiben. Über das, was uns trägt, was uns bricht – und was dazwischen liegt.

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