Schweigen schützt nicht – Über Trauma, Sucht und den Versuch, weiterzuleben
Mein Weg: Es gibt kein Weiter ohne Scham – aber vielleicht ein Leben mit ihr. Eine Geschichte über Sucht, Kindheitstrauma, Einsamkeit und das stille Ringen um Hoffnung.
Es gibt Momente, in denen ich mich frage, ob Offenheit ein Fluch ist.
Sommer 2025, ORF Thema: Ich erzählte meine Geschichte – Sucht, Trauma, Substanzen, Zusammenbrüche. Alles. Die Sendung erreichte über fünfhunderttausend Menschen. Hunderte schrieben mir danach – Betroffene, Angehörige, Menschen, die mir sagten, dass ich ihnen Mut gemacht hätte. Dass sie sich weniger allein fühlten.
Gleichzeitig entwickelte ich selbst in den Wochen darauf eine Sozialphobie.
Ich, der früher extrovertiert war, der in der Gastronomie arbeitete, in der Politik, der immer unter Menschen sein wollte – ich zog mich zurück. Fühlte mich gebrandmarkt. Erkennbar. Als würde jeder, der mich ansieht, sofort wissen: Das ist der mit der Sucht. Der mit dem kaputten Leben. Mit Sex und Drogen, oh Gott.
Trotzdem schreibe und mache ich weiter.
Nicht, weil ich es muss. Sondern weil ich verstanden habe, dass Schweigen nicht schützt. Dass Tabus nicht verschwinden, wenn man sie ignoriert. Dass meine Geschichte – so schwer sie mir manchmal fällt – vielleicht der Unterschied sein kann zwischen jemandem, der aufgibt, und jemandem, der weiterkämpft. Und weil mir das Schreiben therapeutisch hilft.
Anfänge, die man sich nicht aussucht
Mai 1996, Stockerau. Meine Mutter war vor allem Lebenskünstlerin, Poetin – und alkoholkrank. Mein Vater dagegen ist Softwareentwickler, streng erzogen und ein disziplinierter Mensch. Sie trank – wahrscheinlich auch ein bisschen während der Schwangerschaft – und litt unter Psychosen. Sie liebte mich, so viel ist sicher – aber sie konnte sich nicht selbst lieben, und Liebe kann man nicht weitergeben, wenn man sie nie gelernt hat. Spätestens meine Kaiserschnittgeburt und die folgende postpartale Depression stürzten sie in den Abgrund: bis sie nicht mehr anders konnte, als meinen Vater und mich zu verlassen. Einfach auszureißen.
Ich war vier, als sie im Koma starb. Nennen wir es „partyinduziert“.
Ich erinnere mich nicht an sie. Nur an ihre Abwesenheit.
Danach begann eine Odyssee: Großeltern mütterlicherseits, Großeltern väterlicherseits, zwischendurch eine "sozialpädagogische Wohngemeinschaft" für traumatisierte Kinder (WG Kinderlachen), dann zurück zum Vater, der inzwischen eine neue Partnerin hatte. Diese Frau hasste meine Mutter zutiefst – und richtete diesen Hass in Folge gegen mich. Psychoterror, körperliche Gewalt. Sehr tief sitzen in mir die Erinnerungen an diese Zeit und diese Frau. Mit sieben kam ich schließlich zurück nach Wien zu meinem Vater und seiner nächsten Partnerin. Sie wurde meine Stiefmutter, und rückblickend bin ich ihr dankbar für vieles.
Aber ich war bereits angeknackst.
Wechselnde Bezugspersonen – unsichere Bindung. Traumata. Eine sterbende Mutter. Das Kinderheim. Gewalterfahrungen. Liebe, die an Bedingungen geknüpft war. Ich wurde nie einfach so auf den Schoß genommen, nie gehalten, ohne dass ich dafür etwas "leisten" musste. Mehr Wunden, als ich hier aufschreiben könnte.
Wie soll ein Mensch, der so ins Leben startet, je lernen, sich sicher zu fühlen? Wie soll er authentisch Liebe geben oder empfangen können, wenn er sie selbst als Kind kaum erfahren hat?
ADHS wurde mir als Diagnose von der Volksschule umgehängt. Hyperaktiv. Ständig auf der Suche nach Aufmerksamkeit und Bestätigung. Ich funktionierte, aber ich fühlte mich nie ganz.
Erste Flucht
Mit 14 outete ich mich als homosexuell. Mein Vater kam damit nicht klar, zu tief saß seine konservative Erziehung. Die ohnehin oft aufflammenden Konflikte zu Hause wurden nochmal eine Spur härter. Ich rutschte in meine erste klinische Depression.
Mit 16 lief ich davon. Eine Herbstnacht, Regen, eine Parkbank beim Rathaus. Am nächsten Tag das Krisenzentrum, ein Monat in Obhut des Jugendamtes. Dann zu meinen Großeltern mütterlicherseits, Kontakt zur restlichen Familie abgebrochen.
Ich versuchte nachzuholen, was ich verpasst zu haben glaubte: Partys, Alkohol, Freiheit. Meine schulischen Leistungen rutschten ab, ich brach die BAKIP (Ausbildung zum Kindergartenpädagogen) ab, begann eine Lehre zum Buchhändler, schaffte aber auch die nicht voll durchzuziehen. Mit 17 zog ich als Untermieter zu einem Bekannten. Ich stürzte mich ins schwule Nachtleben, zog um die Häuser, engagierte mich bei der Homosexuellen Initiative (HOSI) Wien und organisierte unter anderem Regenbogenball und Regenbogenparade mit.
Aber hinter der vielen Aktivität stand eine Leere, die immer größer wurde.
Ich trank zunehmend viel, nahm zum ersten Mal Kokain, hatte kaum echte freundschaftliche Beziehungen – nur "Kontakte".
Der erste Absturz
2016, ich war 20, fiel ich nach tagelangem Feiern in eine erste Psychose. Die Rettung brachte mich auf die Baumgartner Höhe. Bipolare Störung, sagten sie. Medikamente, Psychosozialer Dienst. Aber es half nicht. Bis März 2017 fuhr ich noch zweimal via Notruf in die Psychiatrie.
Dann eine sechswöchige Reha in Hollenburg. Eine neue Diagnose: Borderline. Emotional-instabile Persönlichkeitsstörung. Zum ersten Mal verstand ich, was mit mir los war. Die Impulsivität, die Stimmungsschwankungen, die Angst vor dem Verlassenwerden, das Schwarz-Weiß-Denken. Es begann Sinn zu machen – ich lernte mich und meine Muster kennen. Lernte, dass Trauma sich in Abwehrmechanismen übersetzt. Dass mein Verhalten Gründe hatte.
Eine Zeit lang funktionierte es und ich bekam mein Leben halbwegs in den Griff. 2018 begann ich beim Samariterbund als Sanitäter zu arbeiten. Es war ehrlich erfüllend, ich konnte Menschen wirklich helfen.
Aber die Depressionen blieben trotzdem im Hintergrund und 2020 hörte ich deshalb auf. Ich hielt es nicht mehr aus.
Und dann kam COVID.
Ohne Strom
Die Pandemie war für mich der Anfang vom Ende. Oder vielleicht der Anfang von etwas anderem – ich bin noch nicht sicher.
Ich geriet in ein Umfeld, in dem intensiv konsumiert wurde. Nicht nur Alkohol, sondern viele verschiedene Substanzen. GHB ist ätzend, Mephedron brennt in der Nase, Kokain macht den Mund taub. Die Zunge fühlt sich fremd an, wie ein Fleischstück, das nicht zu dir gehört. Nach tagelangem Ecstasy kommen die Halluzinationen. Schatten an den Wänden, die sich bewegen. Geräusche, die nicht wirklich da sind. Ich hatte Angst in meiner eigenen Wohnung – Paranoia, die sich wie ein nasses Tuch um den Kopf legen und dich nicht atmen lassen.
Einmal schaffte ich es mitten in so einem Horror zum Hausarzt. Ich weiß nicht mehr genau wie und was ich ihm sagte, nur, dass ich am Ende schweißgebadet vor ihm gesessen bin.
Der Weg nach Hause nach solch tagelangen Abenteuern war sowieso oft: eine Stunde zu Fuß, mitten in der Nacht, den Blick gesenkt – weil ich keine U-Bahn ertrug. Zu viele Menschen. Zu viele Augen. Zu viel Paranoia. Lieber die leeren Straßen, die Kälte, das Alleinsein.
2022 war das schlimmste Jahr meines Lebens.
Ich arbeitete in einem schwulen Gastro-Betrieb in Wien, zu dem auch eine Sauna gehörte. Am Wochenende war das Lokal durchgehend geöffnet. Wenn ich meinen Dienst begann, die Räumlichkeiten aufsperrte, spielte ich immer denselben Song. Ich erinnere mich nicht mehr an den Titel, nur daran, dass er mir die Illusion gab, fröhlich sein zu können. Und das musste ich ja auch – als Barkeeper, als Gastgeber, als jemand, der die Party am Laufen hält.
Die Illusion hielt nie lange.
Ich war aber in dem Jahr sowieso fast durchgehend high oder betrunken – so wenige bleibende Erinnerungen. Ich verlor mich. Tagelang wach, Eskapaden, ein Verschwimmen von Realität und Rausch.
Gleichzeitig hatte ich neun Monate lang keinen Strom und kein Gas in meiner Wohnung.
Finanziell war ich am Ende. Ich schob Rechnungen vor mir her, blendete die Realität aus. Wusch meine Kleidung in der Waschmaschine am Arbeitsplatz. Lud mein Handy bei McDonald's oder mit Powerbanks auf, lernte, Konserven mit Teelichtern aufzuwärmen. Verbrachte selbst meine Freizeit am Arbeitsplatz, trinkend, konsumierend – oberflächlich, nach außen "happy". Umgab mich hauptsächlich mit Leuten, denen es ähnlich ging.
In diesen Monaten ohne Strom saß ich nachts ein paar Mal im Wohnzimmer. Ein Messer vor mir auf dem Tisch. Ich starrte es an, stundenlang, und dachte darüber nach, wie einfach es wäre. Die Dunkelheit um mich herum war nicht nur dem Fehlen von Licht verschuldet – sie war in mir. Eine Schwärze, die alles verschluckte.
Ich setzte es nicht um. Nicht in diesen Nächten. Warum, weiß ich nicht – vielleicht fehlte mir der "Mut". Vielleicht war da aber doch auch noch ein kleiner Rest Hoffnung, irgendwo tief vergraben – wenn man seit der Kindheit überlebt hat, entwickelt man sichtlich wohl oder übel eine gewisse Resilienz.
Irgendwann hielt ich es in der Szene nicht mehr aus und hörte auf zu arbeiten. Das zweite Halbjahr 2022 verbrachte ich hauptsächlich auf privaten Partys oder daheim. Im Bett, im Dunkeln, frierend, depressiv, aber meist mit Alkohol.
Keine Jalousien, kein Licht, nur das schwache Leuchten meines Laptops. Ich hörte „On ne change pas" von Céline Dion auf Repeat. Manchmal weinte ich dabei, manchmal starrte ich nur an die Decke. Man ändert sich nicht. Der Titel war Programm.
Ende des Jahres hatte ich dann irgendwann wieder Strom und Gas.
Im Dezember brachte mich mein bester Freund Daniel in die Akutpsychiatrie, zu lang war ich ihm im Teufelskreislauf gefangen. Sie gaben mir aber kein Bett und ich stand wieder allein da.
Kurz danach – oder war es Anfang Jänner? – verlor ich nach einer Party meine Wohnungsschlüssel und hatte auch kein Geld für einen Schlüsseldienst. Mein Handy war leer oder kaputt. Ich lief durch die Nacht, klingelte bei mehreren Freunden, fror.
Das war mein absoluter Tiefpunkt.
Der Grüne Kreis
Anfang 2023 wohnte ich einen Monat lang bei einem guten Freund, Hennesy, auf der Couch. Danach bei Sebastian, für mehrere Monate – er war auf Saisonarbeit und bot mir seine Wohnung an. Ich brauchte eine Zuflucht und wollte mich isolieren, von den Substanzen und vom alten Umfeld.
Dann fuhr ich für vier Monate auf Entzugstherapie zum Grünen Kreis.
Von Jänner bis September 2023 war ich komplett abstinent. Neun Monate – zum ersten Mal seit Jahren. Ich lernte wieder nüchtern zu leben. Lernte, dass Substanzen nicht die Lösung sind, sondern Teil des Problems.
im September ließ ich mich von einem alten Bekannten leider zu einem Schluck Sekt verführen. „Nur zum Anstoßen.“
Seitdem gibt es vereinzelte Rückfälle, aber es ist definitiv anders als früher. Selbst wenn ich mal high bin, kann ich mich nicht mehr komplett fallen lassen wie damals. Es gibt einen Teil von mir, der zusieht. Der weiß, dass es nicht gut ist und der mich etwas bremst.
Das ist kein Sieg, aber es ist auch keine Niederlage.
Es ist ein Prozess, ein Teilerfolg quasi.
Öffentlichkeit und Einsamkeit
Nach der Therapie begann ich öffentlich über meine Erfahrungen zu sprechen. Ich schreib ein paar Artikel für Onlinemedien und 2024 begann die Produktion einer ORF Thema-Sendung. Über eineinhalb Jahre begleiteten sie mich, filmten mein Leben, meine Gedanken, meinen Struggle. Im Sommer 2025 wurde die Sendung ausgestrahlt und sie wurde breit rezensiert.
Hunderte Zusendungen. Menschen, die mir dankten. Die sagten, ich hätte ihnen Mut gemacht. Dass sie sich weniger allein fühlten.
Aber gleichzeitig zog ich selbst mich zurück. Die Öffentlichkeit, die ich suchte, um anderen zu helfen, machte mich einsamer. Meine Großmutter redete plötzlich nichts mehr mit mir. Ich brach einen Job ab, ging kaum mehr außer Haus, isolierte mich.
Im September 2025 unternahm ich einen Suizidversuch. Mit Medikamenten diesmal, nicht mit einem Messer.
Es ist kurios: 2022, in den dunkelsten Nächten, als ich in der stromlosen Wohnung saß und das Messer vor mir lag – da setzte ich es nicht um. Vielleicht, weil ich noch glaubte, dass es irgendwann besser werden könnte. Dass ich noch eine Chance hatte. Dass die Welt noch Platz für mich haben würde.
Dieses Jahr war aber anders. Ich hatte manches besser im Griff als damals. Weniger Substanzen, mehr Struktur. Ich funktionierte eigentlich im Großen und Ganzen um einiges besser.
Aber die Hoffnung war weg. Der Plan.
Es lag nicht nur an mir. Es lag an allem.
Meine finanzielle Situation verbesserte sich einfach nicht, egal wie sehr ich mich anstrengte. Kein Fortschritt, keine Perspektive, nur das ständige Gefühl, auf der Stelle zu treten. Die Weltsituation nahm mir – und nimmt mir immer noch – die Luft. Kriege, die sich ausbreiten. Klimakrisen, die die Politik gekonnt ignoriert. Junge Generationen, die in Handysucht versinken und keine Konzentration mehr aufbringen können – und ich bemerke es ja auch an mir selbst, also wie soll ich urteilen? Wie soll ich hoffen?
Ich hatte früher Ideale. Ich glaubte, dass Engagement etwas ändert. Dass Sichtbarkeit hilft. Dass Aufklärung wirkt. Dass meine Stimme zählt.
Aber im September fühlte es sich in dem Moment – vor allem da ich alkoholisiert war – an, als würde ich gegen Windmühlen ankämpfen.
Das Unverständnis bleibt
Selbst heute, nach allem, was ich durchgemacht habe, nach der Therapie, nach der Öffentlichkeit – selbst heute werde ich bei Rückfällen oft mit Unverständnis konfrontiert. Mit Vorwürfen. Nicht von Fremden – oft von meiner eigenen Familie.
Mein Vater hat meine psychisch kranke Mutter begleitet und erlebt – er hat sie sterben sehen. Er kennt mich mein ganzes Leben. Und trotzdem: Wenn ich rückfällig werde, wenn es mir schlecht geht, höre ich eher Vorwürfe als Verständnis.
Niemand fragt: Was brauchst du? Niemand sagt: Ich bin einfach da für dich. Niemand hört mir zu, ohne zu urteilen.
Wie soll ein gebrochener Mensch je ganz werden?
Wie soll jemand, der von Lebensanfang an mit so viel Unsicherheit konfrontiert war – wechselnde Bezugspersonen, unsichere Bindung, Trauma, Gewalt, Liebe an Bedingungen geknüpft – wie soll so ein Mensch sich je sicher fühlen?
Selbst in Gegenwart von Menschen, die mir eigentlich nichts Böses wollen, fühle ich mich oft nicht ganz zuhause. Ich bin mental in Isolation gefangen. Ich kann nicht einfach lieben, nicht einfach Nähe zulassen. Ich kann mich selbst nicht richtig liebhaben. Wie auch? Ich habe es nie gelernt. Ich habe es als kleines Kind nie sicher erfahren dürfen.
Die chronische Depression, die mich schon fast mein ganzes Leben begleitet, ist wieder stärker geworden. Ich bin introvertiert geworden, wo ich früher extrovertiert war. Ich schreibe hauptsächlich und sitze allein zu Hause. Hin und wieder schaffe ich es: schleppe mich hinaus in die Sonne oder zur Therapie. Es wird auch wieder aufwärts gehen.
Trotz allem – Weitermachen ist die Devise.
Warum ich das tue
Ich schreibe nicht, weil ich geheilt bin. Ich schreibe, weil ich überlebt habe – bis jetzt. Und weil ich glaube, dass das zählt.
Ich weiß, wie es ist, wenn man denkt, man wäre der Einzige. Wenn man sich schämt für das, was man tut, für das, was man braucht, für das, was man ist. Wenn man glaubt, dass man kaputt ist und nie wieder ganz werden kann.
Schweigen ist tödlich. Tabus isolieren Menschen. Meine Mutter würde vielleicht noch leben, wenn über Alkoholismus und psychische Erkrankungen anders gesprochen worden wäre. Ich wäre vielleicht nicht so tief gefallen, wenn ich gewusst hätte, dass ich nicht „allein“ bin.
Ich habe ein Netzwerk – aus meiner politischen Arbeit, aus der Szene. Ich kenne Politiker*innen, Institutionen, Menschen, die etwas bewegen können. Ich möchte dieses Netzwerk nutzen, um Aufmerksamkeit auf Themen zu lenken, die oft ignoriert werden. Sucht, Trauma, psychische Gesundheit, Resilienzförderung.
Ich will zeigen, dass man trotz allem weiterleben kann. Nicht perfekt. Nicht rundherum geheilt. Aber lebendig!
Ich will ein offenes Ohr sein für Menschen, die sonst niemanden haben. Weil Verständnis der erste Schritt zur Heilung ist.
Und ich will enttabuisieren. Menschen sollen normal über Sucht sprechen können. Über Depressionen. Über Substanzkonsum. Über Borderline. Über Trauma. Nicht als Skandal, nicht als Versagen, sondern als Teil des Menschseins.
Wem meine Worte gehören
Für die Menschen, die gerade da sind, wo ich vor Jahren war (und manchmal immer noch bin). Die sich fragen, ob es sich lohnt, weiterzumachen.
Für die Eltern, die nicht wissen, wie sie mit ihren Kindern über Sucht reden sollen. Für die Freund*innen, die hilflos zusehen. Für die Lehrer*innen, die merken, dass etwas nicht stimmt.
Und besonders für die schwule Szene, in der ich aufgewachsen bin.
Wir müssen ehrlicher werden. Aufhören, so zu tun, als wäre alles nur Spaß und Freiheit und Party. Anerkennen, dass viele von uns nicht feiern, sondern flüchten. Dass Chemsex keine Befreiung ist, sondern oft ein Symptom. Dass hinter der Fassade aus Glitzer und Selbstdarstellung verdammt viel Schmerz steckt.
Minderheiten kämpfen mit spezifischen Thematiken, die die Mehrheitsgesellschaft oft nicht sieht. Queere Menschen haben ein statistisch höheres Risiko für Sucht, Depression, Suizid. Nicht, weil wir schwächer wären. Sondern weil wir in einer Welt aufwachsen, die uns oft von Anfang an das Gefühl gibt, dass mit uns etwas nicht stimmt. Weil viele von uns Ablehnung erfahren haben – in der Familie, in der Schule, auf der Straße. Weil wir lernen mussten, uns zu verstecken, bevor wir lernen konnten, uns zu zeigen.
Diese Vulnerabilität ist real. Und sie braucht Räume, in denen offen darüber gesprochen werden kann. Nicht als Schwäche, sondern als Realität, mit der wir umgehen müssen.
Ich will, dass wir als Community mutiger werden. Dass wir zugeben, wenn es uns nicht gut geht. Dass wir aufeinander schauen, statt nur nebeneinander zu feiern. Dass wir verstehen: Sichtbarkeit ist wichtig, aber Ehrlichkeit ist wichtiger.
Was sich ändern muss
Kein Kind sollte so aufwachsen müssen wie ich. Jedes Kind verdient Liebe – ohne Bedingungen.
Wir müssen verstehen: Trauma vererbt sich. Lieblosigkeit zieht Spuren über Generationen. Prävention beginnt zu Hause – und in einer Gesellschaft, die niemanden ausgrenzt.
Sucht ist Schmerz, keine Schuld. Also: Hilfe statt Strafe! Verständnis statt Verurteilung!
Queere Jugendliche, Geflüchtete, Armutsbetroffene – sie alle tragen ein größeres Gewicht.
Noch immer behandeln wir psychische Erkrankungen, als wären sie weniger wert als körperliche.
Niemand sollte sich schämen müssen für das, was er ist.
Mein stiller Widerstand
Vielleicht ist das, was ich tue, auch eine Form von Widerstand. Widerstand gegen eine Gesellschaft, die erwartet, dass wir funktionieren. Widerstand gegen eine Kultur, die Perfektion glorifiziert und alles andere als Versagen abstempelt.
Widerstand gegen die Idee, dass manche Leben mehr wert sind als andere.
Ich habe in meinem Leben viel erlebt, was mich hätte zerstören können. Meine Mutter starb an Alkohol. Ich hatte neun Monate keinen Strom. Ich war obdachlos. Ich war – und bin – Suchtbetroffener. Ich habe versucht, mich umzubringen.
Aber solange ich hier auf der Erde bin, werde ich meine Stimme nutzen. Nicht, weil ich glaube, dass ich die Welt retten kann. Sondern weil ich weiß, dass ein einziger Mensch, der sich weniger allein fühlt, es wert ist.
Worte haben Macht. Sie können heilen. Sie können die Dunkelheit ein bisschen erträglicher machen.
Ich schreibe, weil ich überlebt habe.
Auch wenn ich einsam bin. Auch wenn ich mich immer noch nicht ganz sicher fühle. Auch wenn die Liebe, die ich geben will, in mir gefangen bleibt, weil ich nie gelernt habe, sie zu halten.
Aber ich bin noch hier.
Und das muss erstmal reichen.
- Telefonseelsorge Österreich: 142 (rund um die Uhr, kostenlos)
- Sucht- und Drogenambulanz: 01 / 4000-53114
- Sozialpsychiatrischer Notdienst: 01 31 330
- Notruf EU-weit: 112 (z.B. für Rettung)
Schon eine kleine Spende hilft mir, Zeit fürs Schreiben zu reservieren. Vielen Dank.
Herzliche Grüße
Dorian Rammer