Oscar Wilde und die Bedeutung eines Wortes, das ihn überlebte
Oscar Wilde wurde für seine "Gaiety" verurteilt – noch bevor „gay“ das bedeutete, wofür man ihn bestrafte. Ein Essay über Sprache, Schönheit und den Mann, der die moderne Homophobie unfreiwillig mitbegründete.
Gay & gay – ein Wort, zwei Bedeutungen, ein Schicksal.
I. Eine Entdeckung
Ich besitze The Picture of Dorian Gray in mehreren Ausgaben. Wenn ein Buch den eigenen Vornamen trägt und man weiß, man hat ihn tatsächlich davon abgeleitet erhalten, entwickelt man eine gewisse Sammelleidenschaft. Die englischsprachige Ausgabe von Collins Classics steht bei mir im Regal, zwischen einer einfachen deutschen Übersetzung und einer alten Prachtedition. Vor Kurzem habe ich sie wieder aufgeschlagen – nicht zum Lesen, sondern um im Vorwort zu stöbern.
Dort, in einer Nebenbemerkung zur Entstehungsgeschichte, fiel mir ein Satz auf. Die Herausgeber*innen erklärten, dass der Begriff gay ursprünglich von gaiety komme – jener Lebensfreude und Eleganz, mit der Gentlemen wie Oscar Wilde zu ihrer Zeit auftraten. Sie seien too gay gewesen: zu fröhlich, zu adrett, zu auffällig. Und genau diese gaiety habe später zur Grundlage für die moderne Bedeutung von gay im Sinne von „homosexuell" geführt.
Ich musste das zweimal lesen. Die Ironie ist perfekt: Oscar Wilde wurde bestraft für seine gaiety – noch bevor gay offiziell das bedeutete, wofür man ihn verurteilte. Er stand am Kipppunkt, an dem Moment, als das Wort seine Bedeutung wandelte. Man könnte sagen: Er war das erste prominente Opfer der Schwulendiskriminierung, bevor es diesen Begriff überhaupt gab.
II. Der Dandy aus Dublin
Oscar Wilde kam 1854 in Dublin auf die Welt. Seine Mutter, eine Dichterin und Salonière, prägte ihn intellektuell. Er studierte klassische Literatur in Oxford, gewann literarische Preise und zog nach London – nicht um Karriere zu machen, sondern um selbst zum Kunstwerk zu werden.
Und das gelang. Binnen zwei Jahren war Wilde der berühmteste Dandy Londons: Samtkostüm, Lilie im Knopfloch, Esprit als Waffe. Er eroberte die Gesellschaft durch Stil, bevor er ein einziges bedeutendes Werk veröffentlicht hatte.
1884 heiratete er Constance Lloyd, bekam zwei Söhne, schrieb Märchen und Essays, arbeitete als Herausgeber. Dann, 1891, erschien sein einziger Roman: The Picture of Dorian Gray. Ein Skandal. Die Kritik nannte es „unmoralisch", die homoerotischen Untertöne waren unübersehbar.
Doch Wildes eigentliches Genie zeigte sich auf der Bühne. Ab 1892 eroberte er das Londoner Theater mit Gesellschaftskomödien, die brillant waren – scharfzüngig, witzig, subversiv. Im Februar 1895 liefen zwei seiner Stücke gleichzeitig im Londoner West End. Er war auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Doch im Jahr, in dem Dorian Gray erschien, begann jene Begegnung, die sein Leben verändern sollte.
III. Der goldene Junge
Im Sommer 1891 wurde Wilde einem jungen Mann vorgestellt: Lord Alfred Douglas. 21 Jahre alt, aristokratisch, goldhaarig, ansehnlich, von etwas femininer Natur. Dichter. Und besessen von Wildes Roman – er behauptete, Dorian Gray vierzehn Mal gelesen zu haben.
Seine Mutter nannte ihn „Bosie" – eine Verniedlichung von „boysie", abgeleitet von „boy". Er war ihr Lieblingskind. Der Spitzname blieb ihm sein Leben lang.
Sie wurden Freunde, ein Jahr später Geliebte. Douglas war 16 Jahre jünger als Wilde, impulsiv, verwöhnt, mit rasendem Temperament. Ihre Beziehung war intensiv und destruktiv zugleich. Wilde schrieb ihm Briefe von überwältigender Poesie: „Es ist ein Wunder, dass diese roten Rosenblatt-Lippen nicht nur für den Wahnsinn von Musik und Gesang gemacht sind, sondern auch für den Wahnsinn des Küssens."
Doch Douglas brachte auch seinen Vater mit.
IV. Das Wort und seine Geschichte
Um zu verstehen, was folgte, müssen wir wissen, was gay damals bedeutete.
Das Wort stammt aus dem Altfranzösischen gai – „fröhlich", „unbeschwert". Im viktorianischen England bekam es jedoch eine Doppelbedeutung. Gay women waren Prostituierte. Gay life bedeutete Ausschweifung. Das Wort wandelte sich von „lebenslustig" zu „sittenlos".
Gaiety bezeichnete etwas zwischen Eleganz und moralischer Grenzüberschreitung. Wer full of gaiety war, galt als charmant, kultiviert – aber eben auch frivol, exzentrisch, „zu sehr dem Genuss zugeneigt". In der Londoner Oberschicht konnte gaiety eine codierte Andeutung von sexueller Nonkonformität sein.
Solche Bedeutungswandel waren kein rein englisches Phänomen. Im Deutschen durchlief „schwul" einen ähnlichen Weg: ursprünglich „schwül" – erhitzt, drückend, glühend –, dann als abwertende Bezeichnung für Homosexualität verwendet, heute neutral oder selbstbewusst gebraucht. Auch hier wandelte sich ein Wort von der Beschreibung eines Zustands zur Identität.
Oscar Wilde und die Ästheten waren die Verkörperung dieser gaiety: kunstsinnig, elegant, sinnlich – und latent gefährlich. Sie waren gay gentlemen, bevor das Wort seine sexuelle Bedeutung bekam. Erst ab den 1920er Jahren begannen schwule Männer, sich selbst als gay zu bezeichnen – zunächst als Codewort, später als offenes Selbstlabel. Mit der Gay Liberation Movement der 1960er und 70er Jahre wurde gay zur politischen Identität.
Aber Oscar Wilde lebte im Zwischenraum. Die Bedeutung des Wortes wandelte sich durch ihn.
V. Die Karte
John Sholto Douglas, 9th Marquess of Queensberry, war Douglasʼ Vater, und er hasste Wilde. Er verfolgte die beiden durch London, drohte Restaurantbesitzern, erschien mit einem Profiboxer in Wildes Haus.
Am 14. Februar 1895 – dem Tag, an dem The Importance of Being Earnest Premiere hatte – hinterließ Queensberry eine Visitenkarte in Wildes Club: „For Oscar Wilde: Posing Somdomite" (eine Fehlschreibung von „Sodomite").
Wilde hätte fliehen können. Freunde rieten ihm dazu, aber Douglas drängte ihn, seinen Vater zu verklagen. Wilde stimmte zu. Es war die folgenschwerste Entscheidung seines Lebens.
VI. Der Prozess
Der Verleumdungsprozess gegen Queensberry begann am 3. April 1895. Wilde trat brillant auf, schlagfertig, selbstsicher. Doch Queensberrys Anwalt präsentierte Zeugen: junge Männer, mit denen Wilde sexuelle Kontakte gehabt hatte.
Das viktorianische England hatte 1885 jede sexuelle Handlung zwischen Männern als gross indecency unter Strafe gestellt. Bis zu zwei Jahre Zuchthaus. Am 5. April zog Wilde die Klage zurück. Noch am selben Tag wurde Haftbefehl gegen ihn erlassen. Seine Stücke verschwanden über Nacht von den Bühnen. Sein Name wurde aus den Programmen gestrichen.
Es folgten zwei Strafprozesse. Der erste endete mit einer hängenden Jury. Der zweite, am 25. Mai 1895, mit einem Schuldspruch. Der Richter verkündete das Urteil mit Abscheu: „Zwei Jahre Zuchthaus mit Zwangsarbeit. Das Härteste, was das Gesetz zulässt."
Die Menge im Gerichtssaal applaudierte.
VII. Exil und Tod
Wilde verbrachte zwei Jahre im Zuchthaus. Zwangsarbeit, Demütigung, sogar monatelange Isolation in Einzelhaft. Diese Zeit war für ihn körperlich wie seelisch zerstörerisch. Er durfte nicht schreiben, kaum lesen und mit niemandem sprechen. Erst in der letzten Phase erhielt er wieder Schreibmaterial – es entstand De Profundis, ein 50.000 Wörter langer Brief an Lord Alfred Douglas.
Nach seiner Entlassung 1897 war Wilde ein Vogelfreier in England.
Niemand wollte ihn sehen, seine Frau Constance hatte die Kinder in die Schweiz gebracht und ihren Nachnamen in Holland geändert, um sie zu schützen.
Wilde verließ das Land und ging nach Frankreich – das damals zwar auch prüde, aber weniger gesetzlich repressiv war. Er lebte fortan unter dem Pseudonym Sebastian Melmoth (eine Anspielung auf den gotischen Roman Melmoth the Wanderer, über einen verdammten Suchenden).
Douglas und er trafen sich noch einmal, lebten kurz zusammen in Neapel. Im Oktober 1897 unternahmen sie einen Ausflug auf die Insel Capri und übernachteten im eleganten Hotel Quisisana – doch der Hotelmanager erkannte Wilde trotz seines Pseudonyms. Man warf sie hinaus, verweigerte ihnen sogar das Frühstück. Der schwedische Arzt Axel Munthe, der auf Capri lebte, entschuldigte sich für die Behandlung und lud die beiden in seine Villa San Michele ein. Dort blieben sie einige Tage.
Aber auch diese Episode zeigte: Selbst im Exil war Wilde nicht sicher. Die Verachtung verfolgte ihn überallhin. Kurz darauf trennten sich Douglas und Wilde endgültig. Die Liebe war verbraucht. Wilde schrieb später: „Er hat mein Leben ruiniert, also kann ich nicht anders, als ihn zu lieben."
Er lebte in billigen Hotels, bettelarm, von den meisten seiner früheren Freunde gemieden. Eine unbehandelte Ohreninfektion aus der Zeit seiner Haft entwickelte sich zu Meningitis. Am 30. November 1900, im Morgengrauen des neuen Jahrhunderts, starb Oscar Wilde in Paris. Er war 46 Jahre alt geworden. Eines seiner letzten Zitate soll gewesen sein: „Wenn noch ein Jahrhundert beginnen würde und mich noch am Leben fände, wäre das wirklich mehr, als die Engländer ertragen könnten."
VIII. Das Vermächtnis
Oscar Wilde starb im Exil, verarmt, geächtet. Doch was das viktorianische England in ihm töten wollte, überlebte – seine Werke, sein Witz, seine Weigerung, sich zu entschuldigen. Wofür auch?
In den 1950er und 60er Jahren entdeckten frühe LGBT-Aktivist*innen Wilde wieder. Sein Leben wurde zur Parabel: der Mann, der für Schönheit und Liebe bestraft wurde, in einer Welt, die beides fürchtete.
Heute gilt Oscar Wilde als einer der ersten prominenten Märtyrer der modernen Homophobie. Sein Prozess 1895 markiert den Moment, in dem Homosexualität nicht mehr nur als „Sünde" galt, sondern als Identität kriminalisiert wurde. Er war das erste Opfer jener Allianz von Medizin, Moral und Recht, die bis weit ins 20. Jahrhundert queere Menschen verfolgte – und an manchen Ecken der Welt sogar heute noch tut.
Und das Wort gay? Es trägt bis heute etwas von der gaiety in sich, die man Wilde einst vorwarf: das Recht, Freude, Stil und Sinnlichkeit offen zu leben. Vielleicht wussten die Herausgeber*innen der Collins-Ausgabe gar nicht, wie viel Wahrheit in diesem Nebensatz lag.
IX. Er war gay – in beiden Bedeutungen
Wenn ich heute auf Instagram mein Gesicht zeige, meinen Namen, meine Queerness, dann tue ich das auch, weil Wilde es nicht durfte. Weil er für genau das bestraft wurde, was heute selbstverständlich sein sollte: sichtbar zu sein, ohne sich dafür entschuldigen zu müssen.
Oscar Wilde war gay – fröhlich, elegant, ästhetisch, voll von gaiety. Und homosexuell. Er verkörperte die Lebensfreude, die die viktorianische Gesellschaft bewunderte und fürchtete, und wurde dafür vernichtet, noch bevor es einen Namen für das gab, was er war. Er wurde bestraft für Schönheit, für Stil, für Liebe.
Sein Leben war ein Kunstwerk. Sein Tod eine Anklage. Und sein Name – ob nun Oscar oder Dorian Gray – erinnert uns daran, dass manche Menschen ihrer Zeit voraus sind. Dass das, was heute als selbstverständlich gilt, einmal Gefängnis bedeutete. Und dass wir die Freiheit, die wir heute haben, Menschen wie ihm verdanken.
Wilde schrieb einmal: „Wir sind alle in der Gosse, aber manche von uns schauen zu den Sternen." Er schaute zu den Sternen. Und wir tun es heute mit ihm.