Notizen eines fühlenden Wesens zum System
Eine erste Version dieses Textes schrieb ich 2019 – damals ahnte ich nicht, was noch kommen würde. Heute, nach Krisen, Kriegen und Erschöpfung, bleibt die Frage dieselbe: Wie finden wir zurück zu Stille, Mitgefühl und dem, was wirklich zählt?
Eine erste Version dieses Textes habe ich bereits Ende 2019 auf einem Blog veröffentlicht – unter demselben Titel. Damals ahnte ich nicht, was noch kommen würde: eine globale Pandemie, Isolation, neue Kriege, persönliche Krisen und so viel mehr Chaos in der Welt. Sechs Jahre später ist vieles anders – und doch fühlt es sich seltsam vertraut an. Vielleicht war der Text eine Art Vorahnung, geschrieben in einer Zeit, in der ich die kommende Erschöpfung schon spürte, ohne sie benennen zu können.
Heute lese ich ihn wieder – und erkenne darin etwas, das geblieben ist: dieses Unbehagen. Dieses Fühlen, dass etwas an unserem Lebensrhythmus grundlegend falsch läuft.
Früher wollte ich dazugehören. Ich glaubte, Erfolg bedeute Geld, Marken, Reisen. Ich wollte dorthin, wo das Leben angeblich glitzert – in die USA, in diese westliche Welt, die alles zu haben schien.
Heute bin ich müde. Müde von der Hektik, vom Funktionieren, von der ständigen Beschleunigung, die wir Fortschritt nennen. Die Unpersönlichkeit dieser Zivilisation hat mir den letzten Rest Illusion genommen. Ich will das alles gar nicht mehr.
Meine Sehnsucht ist in eine andere Richtung gewandert – nach Osten. Tibet, Bhutan. Orte, die leiser sind. Orte, an denen man vielleicht noch spürt, was zählt. Ich habe genug von den vermeintlich fortgeschrittenen Ländern, in denen der Kapitalismus seine Sklaven erschöpft.
Schon 1985 sang die österreichische Band STS von der „Hektomatik-Welt“. Seitdem ist es schlimmer geworden. Wir sind reizüberflutet, getrieben, entfremdet. Wir hetzen im Kreis, sammeln Likes statt Erfahrungen, Anerkennung statt Nähe.
Wir leben im Überlebensmodus – und nennen das Alltag.
Alles, was wirklich zählt, wird verdrängt: Stille, Mitgefühl, Sinn. Wir leben in einer Welt, in der selbst Achtsamkeit ein Produkt geworden ist, das man kaufen kann.
Das Problem daran? Wer nur auf Erfolg schaut, übersieht die Mechanik dahinter.
Und ja: Dahinter stehen auch Konzerne – Systeme, die uns schneller, lauter, sichtbarer halten. Die härtere Variante davon sehe ich in Nordamerika; ich blende sie aus, so gut ich kann.
Und ja – das kann nicht gut ausgehen. Das sieht man längst: in den Krisen, in der Erschöpfung, in der Kälte zwischen Menschen. Man sieht es auch am Heimatplaneten: Kipppunkte, Brände, Dürren – unser Überleben gehört mit auf die Rechnung. Und doch leuchtet das noch immer nur wenigen ein.
Was wir bräuchten, ist keine neue App und kein Kurs für Zeitmanagement. Wir bräuchten Entzug.
Wir müssen aus der Bequemlichkeit raus. Nicht morgen. Heute, ein Stück.
Einen Entzug vom Dauerreiz, vom Markenrausch, vom Zwang, immer sichtbar zu sein.
Wir müssten uns wieder entschleunigen, wieder spüren, wieder zuhören.
Wir müssten uns vegetarischer ernähren, solidarischer leben, miteinander statt gegeneinander.
Wir müssten das Handy öfter weglegen und einfach wieder da sein – bei uns, bei anderen, in der Natur.
Zurückschrauben.
Vielleicht ist das naiv.
Aber vielleicht ist es genau das, was uns retten kann.
Heute, sechs Jahre später, sehe ich den alten Text nicht als Nostalgie, sondern als Erinnerung daran, wie früh man fühlen kann, dass etwas kippt – in einem selbst und in der Welt. Vielleicht war diese Müdigkeit nicht Schwäche, sondern Intuition. Vielleicht war sie der erste Schritt, um anders zu leben.
Ich glaube, wir wussten es alle längst. Wir haben nur zu selten hingehört.