Lux Aeterna – Über das Licht, das wir in uns tragen
Über das Leuchten, das bleibt, wenn alles dunkel ist. Über die Nacht, in der Hoffnung nur ein Flackern ist – und doch genügt. Ein Text über Menschlichkeit, Vergänglichkeit und das kleine Licht, das weiterbrennt.
Lux Aeterna. Ewiges Licht.
Der Klang dieser beiden Worte trägt etwas, das über ihre Bedeutung hinausgeht – eine Kraft, die sich nicht ganz erklären lässt, aber trotzdem spürbar ist. Ewigkeit und Licht. Erhellung, Wahrheit – vielleicht auch Erleuchtung. Was kann mächtiger sein in Kombination? Was kann tröstlicher sein – und gleichzeitig furchterregender?
Die Phrase stammt aus der Missa pro defunctis, der katholischen Totenmesse. „Lux aeterna luceat eis, Domine" – „Herr, lass das ewige Licht ihnen leuchten." Ein Gebet für die Toten, eine Bitte um Frieden, um Geleit ins Unbekannte. Das Licht am Ende des Tunnels. Ein Versprechen, dass nach dem Dunkel noch etwas kommt.
Lux Aeterna ist nicht nur ein Versprechen für die Zeit nach dem Tod. Es ist auch etwas, das mitten im Leben flackert, etwas, das wir suchen, während wir noch atmen.
Es ist in uns.
Ich bin nicht religiös im klassischen Sinne. Katholisch getauft, wie so viele in Österreich, aber die Kirche, ihre Dogmen, ihre Rituale – das ist mir fremd geblieben. Trotzdem: Gott ist mir nicht ganz fremd. Gerade in Zeiten der Not, wenn die Welt zu schwer wird und das Denken nicht mehr weiterhilft, merke ich diese Sehnsucht – an etwas Höheres zu glauben, oder zumindest glauben zu wollen.
Vielleicht ist das der Ursprung von Religionen: Etwas zu haben, das Halt gibt in einer Welt, die schwer zu begreifen ist. Die Sonne, die kommt und geht, das Wechselspiel von Tag und Nacht. Feuer, das wärmt und zerstört. Leben und Tod, die einander bedingen. All diese Urbilder wurden zu Göttern, zu Geschichten, zu Erklärungen, weil es Dinge gibt, die größer sind als der einzelne Mensch.
Ich bin, auf eine Art, die ich selbst nicht ganz fassen kann, doch gläubig. Gläubig an das Leben, an den Tod, an das Universum. Das ist Gott für mich: Wir selbst, alles um uns herum, wir als Gemeinschaft, als Teil von etwas Größerem. Nicht als alter Mann mit Bart im Himmel, sondern als das, was ist – das, was trägt, das, was verbindet.
Lux Aeterna gehört zu dieser Sprache. Wenn ich es höre, denke ich an jene, die vor Gräbern standen und nicht wussten, wie sie weiterleben sollten, die nach einem Licht suchten, um sich daran festzuhalten.
Gesprochen von Sterblichen. Von Menschen, die wissen, dass nichts ewig ist, dass Körper verfallen, dass Erinnerungen verblassen, dass Namen vergessen werden. Und trotzdem dieses Bedürfnis, zu glauben, dass irgendetwas bleibt.
Aber Glaube ist nicht immer Licht. Manchmal ist er nur das Flackern, das man im Dunkeln sucht.
Wenn ich an Licht denke, denke ich an Dunkelheit. Das eine existiert nicht ohne das andere. Man wird nicht erleuchtet, indem man sich Lichtgestalten vorstellt, sondern indem man die Dunkelheit bewusst macht – indem man sie ansieht, anerkennt, durchlebt.
Wer nie wirklich im Dunkeln war, weiß nicht, was Licht bedeutet.
Ich war in diesem Dunkel. Depression, die so tief ist, dass man nicht mehr sieht, nicht mehr fühlt, nicht mehr hofft. Suizidgedanken, die keine abstrakten Überlegungen sind, sondern ein ständiges, dumpfes Wissen: Ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr. In diesen Momenten gibt es kein ewiges Licht. Da ist nur Schwärze – eine lähmende, erstickende Schwärze, die alles auffrisst.
Es war vor über zwei Jahren, eine Dezembernacht, und ich war im tiefsten Loch meines Lebens.
Kein Kontakt zur Familie. Wohnungsschlüssel verloren. Handy leer. Es war kalt, ich habe gefroren, wusste nicht wohin. Ich bin durch die Stadt gelaufen, allein, und habe bei Freund*innen angeläutet – bei mehreren.
Niemand hat aufgemacht.
Ich fühlte mich leer, ausgebrannt, als ob in mir nichts mehr übrig wäre, als ob alles verloren wäre. Jeder Schritt durch die eisige Nacht war schwer. Meine Hände waren taub. Mein Atem machte kleine weiße Wolken, die sofort verschwanden. Ich erinnere mich an die Stille – diese dumpfe Stille einer Winternacht, in der alle anderen hinter ihren Türen sind, warm und sicher, während ich draußen stand.
Ich stand an der Donau und dachte: Es bringt sich alles nichts mehr.
Ich war bereit zu gehen. Ich wollte nicht mehr. Das Wasser war schwarz, träge, kalt, und ich stand am Rand und spürte nichts mehr außer dieser Leere, dieser Gewissheit: Das hier ist das Ende.
Aber dann habe ich die Lichter gesehen.
In den Fenstern der Häuser am Ufer – kleine, warme Rechtecke, gelb und sanft. Dahinter Menschen. Ich kannte sie nicht. Sie wussten nicht, dass ich da war. Aber sie waren da, sie lebten, sie waren wach oder sie schliefen, und morgen würden sie wieder aufwachen. Irgendwo kochte jemand. Irgendwo sah jemand fern. Irgendwo schlief ein Kind.
Leben fand statt. Einfach so. Ohne mich. Ohne zu wissen, dass ich hier stand.
Und irgendwas in mir – ich weiß nicht, was es war, Instinkt, Trotz, ein letzter Rest – hat gesagt: Noch eine Nacht. Halt noch eine Nacht durch.
Ich bin nicht ins Wasser gegangen. Ich bin zurück in die Stadt, habe auf Stufen gesessen, gefroren, gewartet. Am nächsten Vormittag hat endlich jemand aufgemacht. Ich konnte mich sicher fühlen. Endlich.
Das ist Hoffnung – nicht die große, strahlende Hoffnung, die man sich wünscht, sondern die kleine, fast unsichtbare, die trotzdem reicht.
Hoffnung ist Resilienz. Die Fähigkeit, trotz allem nicht vollständig zu zerbrechen – nicht weil man stark ist, nicht weil man einen Plan hat, sondern einfach weil da noch ein winziger Rest ist, der nicht aufgibt, der weitermacht, der durchhält.
Was ist dieses Licht in uns?
Ich glaube, es ist das, was uns am Leben hält, wenn die Vernunft längst kapituliert hat. Es ist nicht der Verstand, nicht die Logik, sondern etwas Älteres, Tieferes – der Wille zu leben, der Drang, weiterzumachen, die Hoffnung, dass morgen doch anders sein könnte.
Unsere Vorfahren haben dieses Licht in der Sonne gesehen und sie angebetet, weil sie verstanden haben, dass ohne sie kein Leben möglich ist. Sie haben das erste Feuer in der Dunkelheit der Höhlen gehütet, als wäre es heilig, weil es das Einzige war, das die Nacht erhellte, das die Kälte vertrieb. Prometheus, der das Feuer vom Himmel stahl, wurde zum Helden, weil er uns das Licht brachte. Das Feuer war Leben. Das Feuer war Gott.
Wir sind das Licht. Und wir sind die Dunkelheit. Beides gehört zusammen.
Aber wir vergessen das. Das Licht in uns wird überdeckt – von Lärm, von Stress, von Erwartungen, von Schmerz, von all dem, was uns verletzt hat, was uns glauben lässt, dass wir nicht wertvoll sind.
Ich habe lange versucht, das Licht von außen zu holen: mit Alkohol, mit Substanzen, mit Ablenkung, mit Betäubung. Aber ein künstliches Licht wirft keine Schatten. Es zeigt nichts. Es erhellt nichts. Es ist nur Blendung.
Das echte Licht, das kleine, das in uns flackert, zeigt die Schatten – es zeigt die Risse, die Wunden, die dunklen Ecken. Und genau deshalb ist es heilsam. Denn nur wenn wir die Dunkelheit sehen, können wir lernen, mit ihr zu leben.
Lux Aeterna ist deshalb so kraftvoll, weil es beides anerkennt: das Licht und die Dunkelheit. Die Totenmesse ist kein fröhliches Fest. Es ist ein Abschied, ein Moment, in dem man anerkennt, dass jemand gestorben ist, dass etwas zu Ende gegangen ist.
Der Tod ist das Dunkelste, was wir kennen. Die absolute Grenze. Das Ende aller Hoffnung, aller Möglichkeit, aller Zukunft. Wir können ihn nicht begreifen, nicht wirklich – wir können nur wissen, dass er kommt.
Und trotzdem – oder gerade deshalb – singt man vom ewigen Licht. Nicht um den Tod zu leugnen, sondern um ihn auszuhalten, um einen Weg zu finden, mit dem Unfassbaren umzugehen, um Hoffnung zu bewahren, auch wenn alles vorbei scheint.
Das Versprechen: dass das Licht weiterleuchtet. Dass etwas bleibt.
Und das stimmt – nicht als unsterbliche Seele, die in den Himmel aufsteigt, sondern im ganz realen Sinne: Das, was wir waren, was wir getan haben, was wir in anderen Menschen hinterlassen haben, lebt weiter. Unser Licht erlischt nicht, sondern brennt in anderen weiter.
Jeder Mensch trägt das Licht in sich. Und jeder Mensch gibt es weiter – durch Worte, durch Gesten, durch Präsenz, durch die kleinen Momente, in denen man jemandem zeigt: Du bist nicht allein.
Die Lichter in den Fenstern fremder Menschen. Die Tatsache, dass irgendwo noch Leben stattfindet. Die Resilienz, noch eine Nacht durchzuhalten, obwohl es keinen Grund mehr gibt.
Das Ewige am Licht ist nicht, dass es niemals erlischt. Das Ewige am Licht ist, dass es immer wiederkehrt – dass es immer jemanden gibt, der eine Kerze anzündet, der ein Feuer entzündet, der am nächsten Vormittag die Tür aufmacht.
Das ist keine religiöse Hoffnung. Das ist menschliche Erfahrung. Das ist das, was uns trägt, auch angesichts des Todes – nicht der Glaube an einen bestimmten Gott, nicht das Versprechen eines Jenseits, sondern die Gewissheit, dass wir nicht allein sind, dass wir einander tragen können, dass wir füreinander leuchten können, solange wir leben.
Und wenn wir sterben, wenn unser eigenes Licht erlischt, dann bleibt doch etwas: in den Menschen, die wir berührt haben, in den Worten, die wir gesprochen haben, in den Momenten, in denen wir einfach da waren.
Das ist nicht Unsterblichkeit. Aber es ist etwas. Es ist genug.
Lux Aeterna – das ewige Licht. Die Erinnerung daran, dass wir das Licht sind, dass es in uns brennt, auch wenn wir es nicht spüren, dass es durch uns wirkt, auch wenn wir es nicht sehen, dass wir es weitergeben, selbst wenn wir glauben, nichts mehr zu haben.
Das Licht, das wir sind, ist nicht ewig.
Aber solange wir es weitergeben – genügt es.
Lux Aeterna.