„Fly Away“ – Ein leiser MJ-Song über das Wegfliegen, wenn man eigentlich bleiben will

„Fly Away“ klingt zart und leicht – und verbirgt doch ein tiefes Thema: die Sehnsucht zu bleiben, wenn man eigentlich gelernt hat zu fliehen. Ein leiser Michael-Jackson-Geheimtipp über Nähe, Verlustangst und das fragile Gleichgewicht zwischen Bleiben und Weggehen.

„Fly Away“ – Ein leiser MJ-Song über das Wegfliegen, wenn man eigentlich bleiben will

Es gibt Songs, die sich sofort in die gemeinsame Erinnerung brennen: große Refrains, große Bilder, große Botschaft. Und dann gibt es die anderen – die, die irgendwo auf Bonus-Discs versteckt sind, an den Rand von Tracklists rutschen und nur zufällig entdeckt werden. Michael Jacksons „Fly Away“ gehört zu dieser zweiten Sorte. Ein Lied, das man leicht verpasst – und das einen dann, wenn man doch darüber stolpert, wie ein warmer Luftzug trifft.

„Fly Away“ ist kein dramatischer Song. Er ist federleicht, fast butterweich. Die Musik schwebt, die Stimme ist nah, zart, unangestrengt. Man hat das Gefühl, der Song wolle gar nichts beweisen. Er will nur für ein paar Minuten einen Raum aufmachen, in dem etwas Schweres auf einmal leicht klingt. Gerade deshalb unterschätzt man ihn schnell – und übersieht, wie tief da eigentlich über Einsamkeit, Flucht und Verlustangst gesprochen wird.

Fly Away – und gleich anschließend Don't Walk Away von Michael Jackson

Ein kleiner, weicher Song – und darunter eine große Spannung

Wer „Fly Away“ hört, merkt schnell: Das ist kein typischer Michael-Jackson-Bombast. Die Instrumente halten sich im Hintergrund, alles ist warm, rund, sanft. Die erste Strophe wirkt wie ein ruhiger Gleitflug: Liebe als Ozean, als Jahreszeit, als etwas, das trägt. Melodisch und klanglich ist da viel Licht, viel Weite.

Aber in dieser Weite liegt eine Spannung. Der Refrain dreht den Song fast unmerklich in eine andere Richtung. Immer wieder bittet die Stimme: „Baby, don’t make me fly away.“ Das ist keine Freiheitsfantasie. Es ist der Versuch, beim Anderen bleiben zu dürfen. Wegfliegen ist hier nicht der Traum, sondern das Szenario, das man vermeiden will. Es ist der innere Satz: „Zwing mich bitte nicht dazu, mich zurückzuziehen.“

Man kann den Song so hören: Da ist jemand, der bereit ist, zu bleiben, Nähe anzubieten, das eigene Herz hinzulegen. Gleichzeitig ist da diese latente Bereitschaft zur Flucht, die viele kennen, die Verletzungen erlebt haben: Wenn es zu weh tut, wenn ich merke, dass ich hier nicht gewollt bin, dann bleibt mir nur noch, wegzugehen. Nicht, weil ich das will – sondern weil ich keinen anderen Schutz kenne.

Auch in einzelnen Zeilen schimmert das durch. Die Liebe wird zum Ozean, zur Saison, etwas, das scheinbar selbstverständlich wiederkehrt – und trotzdem muss die Person immer wieder betonen: „’Cause you know I’ll never part our love goodbye.“ Dieses „ich geh nicht“ wirkt wie eine Selbstvergewisserung gegen die Angst, dass die andere Seite es eines Tages doch tut.


Einsamkeit als ständige Möglichkeit

Michael Jackson wird oft als der vielleicht berühmteste einsame Mensch seiner Zeit beschrieben: Millionen im Publikum, aber wenig geschützte Nähe, eine Kindheit, die Arbeit war, und ein Erwachsensein, in dem Vertrauen dauernd auf dem Prüfstand stand. Viele seiner leisen Songs tragen dieses Motiv: ein Mensch, der sich nach Verbindung sehnt und gleichzeitig tief erlebt hat, wie brüchig sie ist.

„Fly Away“ spricht das nicht offen aus. Kein Wort von Einsamkeit, kein explizites Drama. Aber die Struktur des Songs ist genau von dieser Angst vor Verlassenwerden und vor dem eigenen Weglaufen durchzogen. Er malt am Anfang dieses Ideal von einer Liebe, die „kein Ort zu weit“ auseinanderbringen kann, und setzt daneben die Möglichkeit, dass man am Ende doch gezwungen ist, sich in Sicherheit zu bringen.

Das ist ein Thema, das weit über eine konkrete Liebesgeschichte hinausgeht. Viele, die mit unsicheren Bindungen aufgewachsen sind, kennen die innere Ambivalenz: Man möchte bleiben, man möchte endlich irgendwo ankommen – und gleichzeitig bleibt der Reflex, innerlich schon zu packen, falls die Tür wieder zufällt. „Fly Away“ klingt wie der Versuch, diesen Reflex ein einziges Mal durch Worte und Nähe aufzuhalten.


Ein Geheimtipp für Eingeweihte

Viele Fans – und Hörer*innen allgemein – berichten ein ähnliches Erlebnis, und bei mir war es dasselbe: Man hört „Fly Away“ irgendwie nebenbei, bleibt im Refrain plötzlich hängen, spult zurück – und merkt, dass da etwas ist, das man nicht so leicht wieder loswird. Vielleicht, weil der Song keine große Agenda hat. Er will nicht die Welt retten, nicht die Menschheit wachrütteln, kein politisches Statement setzen. Er beschreibt etwas sehr Intimes: die Hoffnung, dass man diesmal nicht gehen muss. Dass das, was man anbietet, reicht, damit jemand bleibt – und man selbst bleiben darf.

Solche Songs werden selten zu Hits, aber oft zu sehr persönlichen Stücken. Man spielt sie nicht unbedingt auf Partys, sie laufen nicht als Soundtrack eines kollektiven Popmoments – sondern eher nachts, mit Kopfhörern, auf dem Weg nach Hause oder im Bett. Sie gehören weniger zur „Geschichte der Popmusik“ als zur eigenen Biografie.

Und genau das macht „Fly Away“ interessant: Er ist kein Monument. Er ist eher so etwas wie ein vertrauter, kleiner Raum, in den man sich zurückziehen kann, wenn man das Gefühl kennt, innerlich zwischen Bleiben und Weggehen hin- und hergerissen zu sein.


Wenn „Fly Away“ in „Don’t Walk Away“ kippt

Spannend wird es, wenn direkt im Anschluss an „Fly Away“ ein anderer Michael-Jackson-Song startet: „Don’t Walk Away“ – so wie in dem oben von mir eingebetteten YouTube-Video. Unbedingt einmal in einem Rutsch anhören: erst „Fly Away“, dann ohne Pause „Don’t Walk Away“. Zusammen wirken die beiden Songs fast wie zwei Seiten derselben Medialle.

„Fly Away“ ist der Moment davor. Jemand bittet darum, nicht an den Punkt gebracht zu werden, an dem er gehen muss. Wegfliegen ist noch eine Möglichkeit am Horizont, etwas, das man unbedingt vermeiden will. „Don’t Walk Away“ ist der Moment danach. Die Trennung steht im Raum, fast unausweichlich. Die Stimme versucht, sie aufzuhalten, sucht nach Worten, findet sie nicht. „How can I stop losing you? / How can I begin again?“ – das sind Fragen, die nicht mehr aus der Hoffnung heraus gestellt werden, sondern aus einem Schmerz, der schon angekommen ist.

Wo „Fly Away“ noch dieses zarte „gonna stay, love today“ formuliert – die Hoffnung, dass heute zumindest niemand gehen muss –, klingt „Don’t Walk Away“ wie das Echo, wenn genau diese Hoffnung enttäuscht wurde. Die Einsamkeit, die im ersten Song nur als Möglichkeit mitschwingt, steht im zweiten plötzlich mitten im Raum. Da ist nicht mehr die Angst vor dem möglichen Verlust, da ist der Verlust, der gerade Wirklichkeit wird.

Zusammen gehört, erzählen die zwei Songs eine Bewegung, die viele kennen:
Vom inständigen Wunsch, eine Verbindung festhalten zu dürfen, bis zu dem Punkt, an dem man akzeptieren muss, dass man den anderen nicht zwingen kann zu bleiben.


Was solche leisen Songs über uns erzählen

Warum lohnt es sich, sich mit einem Stück wie „Fly Away“ länger zu beschäftigen als die knapp drei Minuten, die es dauert? Vielleicht, weil sich in diesen „kleinen“ Songs oft Gefühle zeigen, die im Alltag kaum Platz haben. Da ist die Sehnsucht nach einer Beziehung, in der man nicht wieder auf gepackten Koffern sitzen muss. Da ist die Angst, sich zu verlieren, wenn man bleibt – und sich selbst nicht mehr zu spüren, wenn man geht. Da ist die Einsamkeit, die als ständige Möglichkeit im Hintergrund steht, selbst dann, wenn es gerade hell ist.

Michael Jackson wird oft über seine größten Momente definiert: über Revolutionen im Pop, über Weltrekorde, über das Spektakel. Aber gerade die zarten, halb versteckten Lieder erzählen viel über die innere Landschaft eines Menschen, der trotz allem Ruhm immer wieder mit fundamentaler Einsamkeit, Misstrauen und Verlust konfrontiert war. Und sie erzählen etwas über uns, wenn wir sie an uns heranlassen.

„Fly Away“ ist vielleicht kein Song, der die Geschichte der Popmusik verändert. Aber es ist einer dieser leisen Orte, an die man zurückgehen kann, wenn man selbst zwischen Flucht und Bleiben hin- und hergerissen ist. Ein kleiner Fluchtversuch, der eigentlich nur eins will: nicht wieder wegmüssen.

Texte, die bleiben. Über das, was uns trägt, was uns bricht – und was dazwischen liegt.

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