Der dunkle Kristall – Über Puppen, Keller und das Erwachsenwerden in der Dunkelheit

Zwischen Puppen und Schatten: eine Reise in Jim Hensons düstere Welt – und zu den Kindheitsängsten, die uns lehren, erwachsen zu werden. Eine Erinnerung an Autorität, Geborgenheit und jene seltsame Vertrautheit, die Dunkelheit haben kann, wenn man ihr ins Auge sieht.

Buntes Wallpaper von Der dunkle Kristall (1982)
Wallpaper von Der dunkle Kristall (1982)

Im vorherigen Beitrag schnitt ich kurz die furchteinflößende Wirkung an, die der Film „Der dunkle Kristall" auf mich in meiner Kindheit hatte. Bereits 1982 erschienen, handelt es sich dabei um den ersten Live-Action-Spielfilm, in dem ausschließlich Puppen die Handlung tragen. Kreiert wurde er von den Muppets-Erfindern Jim Henson und Frank Oz – Letzterer lenkte auch die weltbekannte Figur des Yoda aus Star Wars.

2019 kam eine Prequel-Serie heraus, „Ära des Widerstands", die auch auf Netflix verfügbar ist. Beim Ansehen habe ich gleich bemerkt, wie viel von diesem Film in mir hängen geblieben ist. Nicht nur als Erinnerung, sondern als etwas, das mich geprägt hat.

Die Großeltern, das Haus, der Keller

Meine Großeltern väterlicherseits, bei denen ich zum Teil aufwuchs, hatten ein Haus mit Garten und einen großen Schrank voller VHS-Kassetten mit aufgenommenen Filmen. Sehr oft setzten wir uns am Abend gemeinsam vor den Fernseher, um uns einen Streifen anzusehen. Diese Abende habe ich heute noch in schöner Erinnerung – sie waren Rituale, Momente der Ruhe und einer echten heimeligen Geborgenheit in einer turbulenten Kindheit.

Meine Großeltern waren respekteinflößende Figuren. Von alter Schule, streng in ihrer Art, zwischendurch cholerisch – aber man konnte viel von ihnen lernen, sich viel abschauen. Sie haben mich geprägt. Sie haben mich früh als kleinen Erwachsenen behandelt, der ich sowieso irgendwie sein musste.

Mein eigenes Zimmer hatte ich im Keller. Angenehm kühl im Sommer, aber auch etwas subtil Beängstigendes lag in der Luft – die Dunkelheit, die Stille, das Alleinsein. Gleichzeitig habe ich mich dort heimisch gefühlt. Ich habe gelernt, in solchen Settings Heimat zu finden – in Räumen, die anders als die Norm sind, die nicht hell und warm und einladend sind, sondern kühl und dunkel und eigen.

„Der dunkle Kristall" passte perfekt in diese Atmosphäre.

Eine Welt ohne Menschen – und das Unheimliche

Es gab Filme, die mich eher schaudern ließen – und dieser hier war einer davon. „Der dunkle Kristall" hat gleichermaßen Faszination wie Angst in mir ausgelöst. Die dunkle Welt ohne Menschen, aber mit genug anderen schaurigen Gestalten darin, ist nicht ohne für ein Kind. Rückwirkend betrachtet hätte ich mir das selbst auch nicht zugemutet – vor allem, da ich ohnehin schon unter regelmäßigen Albträumen litt.

Die Puppen waren grotesk und unheimlich. Nicht auf eine plumpe, offensichtliche Art – sondern auf eine Weise, die sich in die Gedanken einschleicht. Freud nannte dieses Gefühl „das Unheimliche" – eine Empfindung von Verstörung, die entsteht, wenn etwas vertraut und fremd zugleich ist. Die Puppen sahen aus wie Lebewesen, bewegten sich wie Lebewesen, aber waren es nicht. Ihre Gesichter waren ausdrucksstark und doch starr, ihre Bewegungen flüssig und doch mechanisch. Sie befanden sich in jenem unheimlichen Tal zwischen Leben und Nicht-Leben, das uns fasziniert und abstößt zugleich.

Wenn ich dann in der Dunkelheit im Keller lag, war so etwas natürlich etwas, das hängen blieb. Die Skeksis – diese verfallenden, greifvogelartigen Kreaturen mit ihren krächzenden Stimmen und ihren gierigen Bewegungen – verfolgten mich in die Träume. Aber es war auch ein Eintauchen in eine Welt, mit der eben nicht jedes Kind konfrontiert ist – und das machte es wiederum besonders. Es war eine Einweihung in etwas Dunkleres, Komplexeres, das über das hinausging, was Kinderfilme normalerweise zeigen.

Jim Henson glaubte, dass es ungesund sei, Kinder immer in Sicherheit zu wiegen. Er wollte zurück zu den dunkleren Elementen der Grimm'schen Märchen – nicht, um Kinder zu traumatisieren, sondern um sie auf eine Welt vorzubereiten, die nicht immer hell und gerecht ist. „Der dunkle Kristall" ist in dieser Tradition ein radikales Werk: Er zeigt Gewalt, Tod, Verfall – und er zeigt sie ohne Entschuldigung.

Allen Erwachsenen hingegen kann ich den ursprünglichen Kultfilm nur wärmstens ans Herz legen. Für seine Zeit stellte er ein Meisterwerk dar – nicht nur technisch, sondern auch ästhetisch und thematisch. Die Handlung ist mitunter inspiriert von alten, düsteren Grimm-Märchen; dem Designer der Charaktere kamen seine Ideen beim Hummer-Essen – was erklärt, warum die Skeksis aussehen wie verfallende Krustentiere mit Federn.

Die Welt Thra – eine sterbende Welt und der Kristall der Wahrheit

„Der dunkle Kristall" und die Prequel-Serie „Ära des Widerstands" spielen auf Thra – einem Planeten, der im Sterben liegt. Die Balance ist aus dem Gleichgewicht geraten, und „die Verdüsterung" droht, alles Leben zu verschlingen.

Die Skeksis, große greifvogelartige Kreaturen, wurden von der weisen Naturmutter Aughra vor Ewigkeiten damit beauftragt, den namensgebenden Kristall der Wahrheit zu bewachen – ein Sinnbild für alles Leben auf Thra. Doch die Skeksis sind korrumpiert. Sie vertuschen den Verfall der Welt vor ihren treu ergebenen Verbündeten, den Gelflingen, und versuchen sich stattdessen ewiges Leben zu verschaffen, indem sie mithilfe des Kristalls anderen deren Lebensessenz aussaugen.

Was macht die Skeksis so faszinierend – und so verstörend? Sie sind keine eindimensionalen Bösewichte. Sie sind verfallende, gierige, verzweifelte Wesen, die einmal etwas anderes waren. Sie verkörpern Gier, Materialismus, den Missbrauch von Macht – aber auch die Angst vor dem Tod, die sie zu Monstern macht. Sie horten Schönheit, weil sie selbst hässlich sind. Sie saugen Leben aus anderen, weil sie selbst dem Verfall nicht entgehen können. Sie sind Autoritäten, die ihre Aufgabe verraten haben – Hüter, die zu Räubern wurden.

In der erweiterten Mythologie des Films erfährt man mehr: Die Skeksis sind eine Hälfte der urSkeks – einer außerirdischen Rasse, die vor tausend Jahren auf Thra landete. Die urSkeks versuchten, sich mithilfe des Kristalls zu „reinigen" – ihre dunklen Impulse von ihren hellen zu trennen. Doch der Versuch ging schief: Statt gereinigt zu werden, spalteten sie sich in zwei separate Wesen. Die Skeksis verkörpern ihre Gier, ihre Aggression, ihren Materialismus. Die Mystiker (urRu) verkörpern ihre Spiritualität, ihre Kontemplation, ihre Sanftmut.

Diese Spaltung ist das zentrale Thema des Films: die Unfähigkeit, mit der eigenen Dunkelheit zu leben, führt zur Zerstörung. Die urSkeks wollten „rein" sein – und zerstörten damit sowohl sich selbst als auch die Welt. Erst als Jen, der Gelfling, den Kristall heilt, werden die Skeksis und Mystiker wieder eins – und damit ganz.

Der Kristall trägt nicht umsonst den Namen „Kristall der Wahrheit". Wahrheit bedeutet hier: Ganzheit. Die Wahrheit über sich selbst anzuerkennen – auch die dunklen, gierigen, aggressiven Teile – ist die einzige Möglichkeit, heil zu werden.

Die Gelflinge – Kinder, die erwachsen werden müssen

Diese kosmische Spaltung zwischen Gut und Böse spiegelt sich auch in den Figuren selbst – und in ihrer Aufgabe. Die Gelflinge, die Protagonist*innen der Geschichte, sind kleine, zerbrechliche Wesen – nicht unähnlich den Hobbits aus „Herr der Ringe". Sie beweisen trotz ihrer geringeren Körpergröße großen Mut und Durchsetzungsvermögen. Sie stellen sich auf eienr Reise, die sie über sich selbst hinausführt, gegen die Unterdrücker von oben.

Der Gelfling-Soldat Rian kommt den Skeksis auf die Spuren, woraufhin er gejagt wird. Er schafft es jedoch, ein paar Mitstreiter*innen im Kampf Gut gegen Böse zu finden. Die Gelflinge müssen früh erwachsen werden – sie müssen kämpfen, sich verstecken, Verantwortung übernehmen, die sie nicht haben wollten.

Vielleicht hat mich der Film auch deshalb so geprägt: weil die Gelflinge mir ähnlich waren. Kinder, die in eine düstere Welt hineingeboren wurden, die sich behaupten mussten, die früh lernten, dass die Welt nicht fair ist und dass die Hüter nicht immer beschützen.

Die Serie „Ära des Widerstands" vertieft dieses Thema noch: Wir wissen aus dem Film, dass die Gelflinge am Ende (fast) alle sterben werden. Die Serie zeigt ihren Widerstand – und wir wissen, dass er zum Scheitern verurteilt ist. Doch darin liegt eine tiefere Wahrheit: Widerstand ist wertvoll, auch wenn er scheitert. Der Versuch, das Richtige zu tun, zählt – selbst wenn die Welt untergeht.

Die Serie – eine Wiederbegegnung und die Melancholie des Scheiterns

In der Serie spricht meine persönliche Schauspiellegende Mark Hamill (aka Luke Skywalker aus Star Wars) eine Rolle – die des Gelehrten skekTek –, außerdem sind Taron Egerton, Helena Bonham Carter, Sigourney Weaver (als Erzählerin) und viele andere mit dabei. Auf CGI wird bewusst verzichtet, das Design der Puppen wurde 1:1 übernommen: wunderbar hässlich, grotesk und faszinierend zugleich.

Die Prequel-Serie erweitert das Universum des Hauptfilms sehr positiv und verleiht den darin vertretenen Lebewesen mehr Tiefe und Hintergrund. Sie zeigt die Welt vor dem endgültigen Verfall – aber man sieht bereits, wie die Risse entstehen, wie die Skeksis immer gieriger werden, wie die Gelflinge langsam erkennen, dass etwas nicht stimmt.

Zu Beginn, gerade wenn man den ursprünglichen Spielfilm von 1982 nicht kennt, mag einem das Ganze etwas befremdlich vorkommen. Bleibt man jedoch standhaft und lässt die Figuren auf einen wirken, dann taucht man schon bald in eine interessante Fantasywelt ein, die einige poetische und mystische Momente zu bieten hat.

Als Erwachsener in diese Welt zurückzukehren war seltsam – nostalgisch und verstörend zugleich. Die Puppen waren immer noch unheimlich, aber auf eine andere Art. Ich verstand jetzt die Symbolik, die Themen, die politischen Untertöne. Ich sah die Skeksis nicht mehr nur als Monster, sondern als Verkörperung von Machtmissbrauch, Gier, ökologischem Raubbau. Die „Verdüsterung", die sich über Thra legt, ist eine unübersehbare Metapher für Umweltzerstörung – verursacht durch jene, die behaupten, Hüter zu sein.

Und die Gelflinge sah ich nicht mehr nur als Helden. Sie waren Widerstandskämpfer*innen in einem Krieg, den sie bereits verloren hatten. Die Serie spielt Jahrzehnte vor dem Film – und wir wissen, dass am Ende (fast) alle Gelflinge tot sein werden. Ihr Kampf ist zum Scheitern verurteilt.

Vielleicht ist das die härteste Lektion von „Der dunkle Kristall": dass Widerstand nicht immer erfolgreich ist – aber trotzdem notwendig. Dass man das Richtige tun muss, auch wenn es aussichtslos erscheint. Dass die Gelflinge am Ende sterben, macht ihren Kampf nicht sinnlos – es macht ihn nur tragischer. Und menschlicher.

Die Großeltern und die Skeksis – Autorität und Ambivalenz

Wenn ich heute an den Film denke, denke ich auch an meine Großeltern. Nicht, weil sie böse gewesen wären – das waren sie nicht. Aber sie waren eigen, streng, cholerisch. Sie waren Autoritäten, die mir Sicherheit gaben, aber auch Angst einflößten. Sie lehrten mich viel – aber sie verlangten auch viel.

Vielleicht sind die Skeksis deshalb so präsent geblieben: weil sie zeigen, was passiert, wenn Autorität verfällt, wenn Hüter ihre Aufgabe verraten, wenn die, die beschützen sollten, zu Räubern werden. Die Skeksis sind eine Warnung – nicht vor dem Bösen, sondern vor der Korruption des Guten.

Meine Großeltern waren nicht die Skeksis. Aber sie lebten in einer Zeit, in der Autorität anders funktionierte – härter, kompromissloser. Sie haben mich geprägt, auch in ihren Widersprüchen. Und „Der dunkle Kristall" hat mir früh gezeigt, dass Autorität nicht immer recht hat, dass Hüter auch versagen können, dass die Welt komplizierter ist, als Erwachsene es Kindern gern erzählen.

Poesie in der Dunkelheit

Die Gelflinge haben ein Gedicht, das am Ende der 2019er Serie rezitiert wird:

Wish not for treasures you can hold
No gleaming jewels, bright and cold
For finer still than pearl or gold
The treasure of a tale well told.

("Wünsche dir keine Schätze, die du behalten kannst – keine glänzenden Juwelen, hell und kalt. Denn feiner noch als Perle oder Gold ist der Schatz einer gut erzählten Geschichte.")

Es ist fast, als würde der Vers das Kind in mir trösten, das damals Angst hatte. Die Geschichte selbst – nicht die Sicherheit, nicht das Happy End – ist der Schatz. Der Film hat mich erschreckt, ja. Aber er hat mich auch geprägt. Er hat mir gezeigt, dass Geschichten nicht immer angenehm sein müssen, um wertvoll und erfüllend zu sein. Dass Dunkelheit nicht das Ende ist, sondern ein Teil des Ganzen.

Vielleicht ist das die eigentliche Magie von „Der dunkle Kristall": dass er eine Geschichte erzählt, die nicht loslässt. Nicht, weil sie tröstlich wäre oder weil sie ein eindeutiges Happy End hätte – sondern weil sie etwas Wahres zeigt. Über Macht und Verfall. Über Kinder, die erwachsen werden müssen. Über Dunkelheit, die gleichzeitig beängstigend und heimisch sein kann. Über die Notwendigkeit, ganz zu werden – auch wenn das bedeutet, die eigenen Abgründe anzuerkennen.

Fazit – Heimat in der Dunkelheit finden

Ich habe gelernt, in solchen Settings Heimat zu finden. Im Keller meiner Großeltern. In düsteren Filmen. In Geschichten, die nicht für Kinder gemacht sind, aber die Kinder trotzdem sehen – und die sie prägen, manchmal fürs Leben.

„Der dunkle Kristall" ist kein Film, der einem gut tut. Er ist kein Film, der tröstet oder der sagt, dass alles gut wird. Er ist ein Film, der zeigt, dass die Welt dunkel sein kann – und dass wir trotzdem weitermachen müssen. Dass Widerstand wertvoll ist, auch wenn er scheitert. Dass Ganzheit bedeutet, auch die dunklen Teile zu akzeptieren. Dass Wahrheit manchmal wehtut.

Und vielleicht ist das der Schatz, den „Der dunkle Kristall" mir gegeben hat: nicht Trost, sondern Vertrautheit mit der Dunkelheit. Die Fähigkeit, in Räumen zu leben, die anders sind als die Norm. Die Erkenntnis, dass man auch in kühlen, dunklen Kellern Heimat finden kann – und dass Geschichten, die einen als Kind erschrecken, einen als Erwachsenen immer noch begleiten.

Ganz ohne Albträume – oder zumindest mit der Fähigkeit, sie auszuhalten.


👻
Möchtest du mein Schreiben unterstützen?
Schon eine kleine Spende hilft mir, Zeit fürs Schreiben zu reservieren. Vielen Dank.

Herzliche Grüße
Dorian Rammer

Texte, die bleiben. Über das, was uns trägt, was uns bricht – und was dazwischen liegt.

Melde dich an, um Zugriff auf exklusive Ausgaben zu erhalten.
dein.name@example.com
Abonnieren