Das letzte Einhorn – Über Molly Grue und den Verlust der Unschuld
Eine tiefgehende Reflexion über Das letzte Einhorn – und über Molly Grue, die an den Verlust der Unschuld erinnert. Ein Essay über Reife, Melancholie und das leise Weitergehen, wenn Hoffnung brüchig wird.
Das letzte Einhorn (OT: The Last Unicorn) ist ein legendärer Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1982, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Peter S. Beagle. Man bekommt ihn alljährlich am 24. Dezember im Fernsehen zu sehen – ein Ritual, das für viele zur Kindheit gehört wie Weihnachtsplätzchen und Kerzenlicht.
Es ist ein Märchen für Kinder, das Erwachsene jedoch oft tiefer berührt als in jungen Jahren. Die Filmversion – im Original eingesprochen von Schauspielgrößen wie Christopher Lee, Angela Lansbury, Jeff Bridges und Mia Farrow – hält sich in den Dialogen oft haargenau an die Buchvorlage, verdichtet die Handlung aber auf ihre emotionalen Kernmomente.
Auch erwähnenswert: Die berührende Filmmusik stammt von der Band America, und die Animationen aus der Feder des Studios Topcraft, das sich später zu Studio Ghibli entwickelte (Chihiros Reise ins Zauberland, Das wandelnde Schloss).
Eine Geschichte über das Suchen und Verlieren
Die Handlung ist schnell erzählt: Ein Einhorn, das letzte seiner Art, macht sich auf die Suche nach seinen verschwundenen Artgenossen. Ein Ungeheuer – der Rote Stier des König Haggard – hat sie aus der Welt vertrieben, ins Meer verbannt, wo sie als Wellen an die Küste schlagen, unfähig, in ihre wahre Form zurückzukehren.
Unterwegs tut sich das Einhorn mit dem Jungzauberer Schmendrick und der Räubersfrau Molly Grue zusammen. Zum Schutz wird es kurzfristig in eine Menschenfrau verwandelt: Lady Amalthea, die am Hof König Haggards lebt und langsam vergisst, wer sie wirklich ist.
Am Ende stellt sich das Einhorn dem Stier im Kampf und bringt die Einhörner zurück in die Welt.
Doch bei aller märchenhaften Oberfläche ist Das letzte Einhorn ein Film über Verlust. Über das Altern. Über Traurigkeit, die sich nicht vertreiben lässt. Und über eine Frau, die zu spät kam.
König Haggard und die Leere
König Haggard, der Antagonist der Geschichte, ist keine klassische Märchenfigur. Er ist kein gieriger Tyrann, kein sadistischer Herrscher – er ist ein zutiefst depressiver alter Mann, der schon lange aufgehört hat zu hoffen. „Nichts auf der Welt bereitet mir mehr Freude“, sagt er, und man glaubt ihm jedes Wort.
Die einzige Ausnahme: die Einhörner, die er im Meer gefangen hält. Nur wenn er sie ansieht, spürt er noch etwas – einen Rest von dem, was Freude einmal gewesen sein könnte.
Haggard ist die Verkörperung dessen, was passiert, wenn man zu lange lebt, ohne zu leben. Er hortet Schönheit, weil er selbst keine mehr empfinden kann. Er ist eine Warnung – und zugleich eine Figur, die man verstehen kann, gerade als Erwachsener.
Vielleicht spiegelt Haggard auch etwas, das wir heute gut kennen: den Versuch, Glück zu konservieren, indem man es besitzt – und dabei vergisst, es zu erleben.
Trotz seiner teils kitschigen Bilder mutet der Film den kindlichen Zuseher*innen einiges zu. Bei mir hat sich Das letzte Einhorn rückblickend nicht nur in positiver Erinnerung eingeprägt, übertroffen nur von damals noch furchteinflößenderen Klassikern wie Der dunkle Kristall.
Themen wie Tod, Einsamkeit und Depression werden behandelt – ebenso steckt der Film voller Einsichten über das Leben der Erwachsenen. Fast alle Figuren kämpfen mit der Traurigkeit: manche offen, manche versteckt.
Molly Grue – die eigentliche Heldin
Eine Figur berührt mich jedoch besonders: Molly Grue, die Räubersfrau, die im ersten Augenblick forsch und robust wirkt, sich dann aber als zutiefst sensible und empathische Persönlichkeit entpuppt.
Im Buch kann man die Charaktertiefe noch besser ergründen, aber auch im Film erkennt man sie – wenn man genau hinsieht. Die Szene, in der Molly dem Einhorn zum ersten Mal begegnet, gehört zu den stärksten Momenten des Films:
Molly: No, it can't be. Can it be? Where have you been? Where have you been? Damn you! Where have you been?
Schmendrick: Don't you talk to her that way!
Unicorn: I'm here now.
Molly: And where were you twenty years ago? Ten years ago? Where were you when I was new? When I was one of those innocent young maidens you always come to? How dare you! How dare you come to me now, when I am this!
[Weeps]
Schmendrick: Can you really see her? Do you know what she is?
Molly: If you had been waiting to see a unicorn, as long as I have…
Schmendrick: She's the last unicorn in the world.
Molly: It would be the last unicorn that came to Molly Grue. It's all right, I forgive you.
Als Kind bedeuten einem Mollys Worte wenig. Man versteht, dass sie traurig ist – aber nicht, warum. Als Erwachsener, der schon viel gesehen hat, kommt man umso mehr auf den Grund ihrer Verzweiflung.
Molly trauert um das Leben, das sie hätte haben können. Vielleicht nicht um eine konkrete verpasste Chance, sondern um das Gefühl, das einmal möglich schien. Sie fühlt sich verbraucht – von Männern, von den Umständen, vom Leben.
Ihre Unschuld ist fort, und sie kann es nicht rückgängig machen. In der Märchentradition kommen Einhörner zu jungfräulichen Maiden, zu reinen, unberührten jungen Frauen. Molly ist keine von ihnen mehr. Sie ist alt geworden, hart geworden, müde geworden – und das Einhorn kommt trotzdem. Aber zu spät.
Also bündeln sich all ihr Schmerz und ihre Wut, als sie das Einhorn anschreit: „How dare you come to me now, when I am this!“ – Wie kannst du es wagen, jetzt zu mir zu kommen, wo ich das hier bin. Nicht mehr die, die ich hätte sein können.
Das Erwachsenwerden und der Verlust des Glaubens
Als Kind glaubt man noch an vieles. Man sieht mit dem Herzen und hat Hoffnung aufs Leben – erkennt nicht die Härte des Vorausliegenden.
Wenn aber die Zeit vergeht und ein Tief nach dem anderen einschlägt, man zu kämpfen hat, dann verfliegt die reine Sicht aufs Leben rasch, und man verliert den Glauben. An Einhörner. An Gerechtigkeit. An das Gute.
Molly Grue verkörpert genau diesen Verlust – und zugleich das, was danach kommt. Sie hat aufgehört zu hoffen, aber nicht aufgehört zu handeln. Sie hat ihre Träume begraben, aber nicht ihre Fürsorge. Sie ist voller Gutherzigkeit, obwohl das Leben ihr wenig davon zurückgegeben hat.
Sie treibt die Gefährt*innen auf ihrer Quest an und stellt die eigenen Probleme hinten an, so viele sie auch hat. Sie ist Motivatorin und Mutmacherin, obwohl sie selbst nicht ohne Leiden ist.
Das ist wahre Größe: nicht die Unschuld zu bewahren, sondern trotz ihres Verlusts aufrecht zu bleiben.
Nicht daran zu glauben, dass alles gut wird – sondern trotzdem das Richtige zu tun.
Vielleicht ist Molly so berührend, weil sie das verkörpert, was vielen von uns fehlt: die Fähigkeit, gut zu bleiben, ohne unversehrt zu bleiben.
Warum Molly die Heldin ist
Molly Grue ist für mich die eigentliche Heldin dieser Geschichte. Nicht, weil sie die Einhörner rettet – das tut das Einhorn selbst. Sondern weil sie zeigt, was Stärke wirklich bedeutet: anderen Mut zu machen, obwohl man selbst kaum noch welchen hat.
Weiterzumachen, obwohl man längst aufgegeben haben könnte. Zu vergeben – dem Einhorn, dem Leben, vielleicht sogar sich selbst.
„It's all right, I forgive you.“
Dieser Satz, am Ende ihrer Anklage, ist vielleicht der wichtigste des ganzen Films.
Molly vergibt dem Einhorn nicht, weil es sich entschuldigt hätte – sondern weil sie weiß, dass Bitterkeit sie nur noch mehr verbrauchen würde.
Sie lässt los. Nicht, weil es gerecht wäre. Sondern weil es der einzige Weg ist, weiterzuleben.
Nachwirkung
Das letzte Einhorn ist ein Film, der mit einem altert. Als Kind sieht man die bunten Bilder, die Magie, das Abenteuer.
Als Erwachsener sieht man König Haggard, der vor Leere erstarrt ist. Man sieht Molly, die zu spät kam.
Man sieht das Einhorn, das am Ende nicht mehr dasselbe ist wie zu Beginn – weil es geliebt hat, weil es Mensch war, weil es Verlust kennt.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft des Films:
Dass Unschuld nicht bewahrt werden kann. Dass das Leben uns verändert, ob wir wollen oder nicht.
Aber dass wir trotzdem die Wahl haben, wer wir danach sein wollen.
Molly Grue hat diese Wahl getroffen.
Und deshalb ist sie, für mich, die Heldin.
Vielleicht ist das die eigentliche Magie dieser Geschichte: dass sie uns zeigt, wie selbst gebrochene Menschen leuchten können – nicht trotz, sondern wegen ihrer Risse.
Schon eine kleine Spende hilft mir, Zeit fürs Schreiben zu reservieren. Vielen Dank.
Herzliche Grüße
Dorian Rammer