Das fragile Leben – über Rollen, Brüche und Echtheit
Wir alle leben nach Bildern, die andere für uns gemalt haben. Doch wenn sie zerbrechen, zeigt sich: Hinter jedem „so ist das Leben“ wartet ein anderes – zerbrechlich, eigen, wahr. Ein lyrischer Essay über das, was bleibt, wenn alles andere fällt.
Wir alle leben nach Bildern, die andere für uns gemalt haben. Als Kinder übernehmen wir die Farben unserer Eltern, die Ängste unserer Umgebung, die Vorstellungen davon, was richtig ist. Doch was bleibt, wenn diese Bilder zerbrechen? Wenn die Rollen nicht mehr passen und die Sicherheit verschwindet? Dann zeigt sich, dass hinter jedem „so ist das Leben“ ein anderes Leben wartet – zerbrechlich, eigen, wahr.
Ein Gedicht über das, was bleibt, wenn alles andere fällt:
Das ganze Leben –
eine zarte Verabredung,
brüchig, zwischen zwei Menschen,
die hoffen, verstanden zu werden.
Als Kinder lernen wir,
was man sein soll.
Wie man lacht, ohne zu stören.
Wie man fällt, ohne zu weinen.
Wie man bittet, ohne zu fordern.
Unsere Eltern, unsere Lehrer*innen, unsere Welt –
sie malen uns ein Bild vom Leben,
und wir beginnen, es nachzuzeichnen.
Brav.
Gehorsam.
Blind.
Wir tragen die Farben der anderen,
ihre Ideale, die uns nicht passen,
ihre Angst, die uns lähmt,
ihre Vorstellungen von Heilsein,
die uns krank machen.
Und irgendwann leben wir nicht mehr uns selbst,
sondern das Echo derer,
die uns formen wollten –
ohne zu fragen, wer wir sind.
Doch wenn eines Tages alles zerbricht –
das schöne Bild,
die Rollen,
die Lügen –,
dann bleibt nur das,
was immer da war:
ein stiller Mensch,
der atmet,
fragt,
spürt,
und nicht mehr glaubt.
Dann erkennen wir,
dass hinter jedem „so ist das Leben“
ein anderes Leben wartet –
zerbrechlich, eigen, wahr.
Eines, das niemand für uns vorgesehen hat.
Das Leben ist fragil.
Und gerade darin –
in diesem Bruch,
in dieser Enttäuschung –
liegt seine einzig wahre Schönheit.