Das Bildnis des Dorian Gray – Spiegel von Schuld und Begierde
Eine überarbeitete Rezension – mehr als zehn Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung. Über Schönheit, Schuld, queere Identität und die Abgründe, die Oscar Wilde sichtbar machte – und die in uns allen weiterleben.
Diese Rezension schrieb ich ursprünglich während meiner Lehrzeit in einer Buchhandlung – damals noch mit jugendlicher Bewunderung für Oscar Wilde und ohne zu ahnen, wie sehr mich die Figur meines Namensvetters einmal begleiten würde.
Für die Neuveröffentlichung habe ich den Text überarbeitet und um Gedanken ergänzt, die mir heute – über ein Jahrzehnt später – wesentlich erscheinen.
Die Geschichte eines Verfalls
Der junge Dorian Gray verkörpert für den in der Londoner High Society verkehrenden Maler Basil Hallward die Muse, die ihm zu seiner vollen künstlerischen Entfaltung verhilft – ein perfektes Vorzeigeobjekt für jugendliche Unberührtheit, Schönheit und Aufrichtigkeit.
Basils hedonistischer Freund Lord Henry sieht in Dorian dagegen die wundervolle Chance, sich als Mentor zu verwirklichen und ihn seiner Vorstellung entsprechend zurechtzuformen.
Während der geblendete Basil ihn mit Komplimenten überschüttet und seiner neu gewonnenen Leidenschaft in noch nie da gewesener Finesse Ausdruck verleiht, bringt Lord Henry Dorian mit seinen paradoxen Philosophien in Aufruhr. Schritt für Schritt beansprucht er den Geist des Jünglings für sich – eine Form von Manipulation, elegant verpackt in philosophische Diskurse und ästhetische Theorien.
Als Basil auf dem Höhepunkt seines künstlerischen Daseins ein lebensechtes Gemälde von Dorian anfertigt und dieser vor dem vollendeten Kunstwerk steht, ahnt niemand den Schrecken der Zukunft.
Dorian erschaudert bei dem Anblick und spricht voller Entzücken einen folgenschweren Wunsch aus: Möge er doch immer so jung und schön bleiben wie auf diesem Porträt, solle stattdessen das Bild altern und die Lasten des Lebens tragen.
Sein Gebet wird auf mysteriöse Weise erhört. Dorian, vergiftet durch den schlechten Einfluss von Lord Henry, wird immer mehr zum Opfer seiner inneren Abgründe.
Nach außen hin bleibt er makellos. Nur er kennt den schrecklichen Spiegel seiner Seele – das versteckte Bildnis auf dem Dachboden, das jede Schuld, jede Ausschweifung in seine Züge gräbt.
Zwischen den Zeilen
Verschleiert schwingt in Oscar Wildes einzigem Roman das Thema der Homosexualität mit. Viel dreht sich um männliche Schönheit und Jugend, um die zweifelhafte Moral der viktorianischen Gesellschaft, um verborgene Sünden und um Schuldgefühle.
Wilde selbst wurde wenige Jahre nach der Veröffentlichung wegen „grober Unzucht“ verurteilt – ein Schicksal, das im Roman bereits angelegt scheint. Das Verstecken des Porträts auf dem Dachboden lässt sich als Metapher für das Verstecken queerer Identität lesen, für die Scham, die eine repressive Gesellschaft einem auferlegt.
Bis heute ist Das Bildnis des Dorian Gray eines der meistinterpretierten Werke des 19. Jahrhunderts – von theologischen Lesarten über psychologische bis hin zu queeren Deutungen. Wilde schuf mit Dorian eine Figur, die als Spiegel ihrer Leser*innen funktioniert: Jede und jeder sieht darin etwas anderes, oft das, was man selbst zu verdrängen sucht.
Die Sprache des Romans ist nicht gerade die einfachste. Hat man sich einmal eingelesen, wird man von der Handlung vereinnahmt – und von der beißenden Ironie, mit der Wilde die Verlogenheit seiner Zeit entlarvt.
Persönliche Bezüge
Mein Bezug ist vielleicht nicht allzu schwer zu erkennen: Von meiner Großmutter weiß ich, dass meine Mutter sich für eben diesen Namen entschied, nachdem sie Das Bildnis des Dorian Gray gelesen hatte. Weshalb bleibt allerdings offen.
Meinen Namen mag ich jedenfalls – auch wenn ich mir manchmal wünschte, die Antwort auf das „Weshalb“ zu kennen.
Vielleicht hat mich der Roman auch deshalb so früh fasziniert: weil er den Konflikt zwischen äußerer Perfektion und innerer Zerrissenheit beschreibt – ein Thema, das mich bis heute begleitet.
Ich kenne, anders als damals, die Schattenseiten dieses Zerrissenseins aus eigener Erfahrung. Jahre später habe ich erlebt, wie leicht man sich in der Suche nach Anerkennung, nach Schönheit, nach Kontrolle verlieren kann – und wie schmerzhaft die Konfrontation mit dem eigenen Spiegelbild sein kann, wenn man nicht mehr weiß, wem man da eigentlich begegnet.
Heute sehe ich darin nicht mehr nur Abgrund, sondern auch Erkenntnis – weil sich in jedem Zerbrechen die Möglichkeit zur Neuformung zeigt.
Insofern ist Wildes Dorian für mich längst keine bloße Romanfigur mehr, sondern eine Projektionsfläche für menschliche Abgründe – auch meine eigenen.
Er erinnert mich daran, dass das, was wir verstecken, nicht verschwindet; es verändert nur die Gestalt, bis wir den Mut finden, hinzusehen.
Mir sagen besonders jene Passagen zu, in denen sich Dorian mit Lord Henry über die philosophischen Hintergründe des Lebens, die Unbegründbarkeit gesellschaftlicher Moralvorstellungen und die möglichen zügellosen Freuden des Daseins unterhält.
Ich finde die Ansichten der beiden faszinierend – auch, weil sie gefährlich sind. Die Form der Dialoge gibt dem Buch einen ganz besonderen intellektuellen Anstrich.
Anderen mögen diese Passagen vielleicht etwas langatmig erscheinen, was bei der Länge der Unterhaltungen verständlich ist. Als ich den Roman das erste Mal las, habe ich diese Stellen gelegentlich übersprungen. Heute würde ich das nicht mehr tun.
Gerade in diesen scheinbar müßigen Gesprächen liegt die eigentliche Verführung: Lord Henrys Gift wirkt nicht durch plumpe Befehle, sondern durch elegant formulierte Halbwahrheiten.
Atmosphäre und Abgründe
Ich mag die Atmosphäre des Romans, das Zeitalter, in dem die Handlung spielt, und das geheimnisvolle Doppelleben des Protagonisten.
Auf der einen Seite gibt Dorian den feinen Gentleman, der sich von der überdurchschnittlichen Zuneigung des weiblichen Geschlechts kaum befreien kann. Andererseits lebt er seine dunklen Leidenschaften aus – ja, er wird sogar zum Mörder.
Wilde schreibt mit der Präzision eines Dramatikers und der Poesie eines Ästheten: Jede Szene ist überhöht, jede Beschreibung ein Zitat wert. Zwischen den mondänen Salons Londons und den dunklen Dachböden entfaltet sich ein moralisches Drama, das kaum gealtert ist.
Dieses Doppelleben, diese Diskrepanz zwischen äußerer Makellosigkeit und innerem Verfall, hat etwas zutiefst Menschliches. Wilde zeigt, wie Hedonismus und moralische Verantwortungslosigkeit nicht zu Freiheit führen, sondern zu Zerstörung – zunächst anderer, dann der eigenen Seele.
Das Porträt wird zur physischen Manifestation von Schuld, die sich nicht verdrängen lässt.
Nachwirkung
Vielleicht liegt die anhaltende Wirkung des Romans auch darin, dass er das ewige menschliche Bedürfnis nach Reinheit und Selbstrechtfertigung entlarvt – und den Schmerz, der folgt, wenn beides unerreichbar bleibt.
Kaum ein anderer Roman inspirierte so viele Neuinterpretationen wie Das Bildnis des Dorian Gray: vom Film noir über die Popkultur bis hin zu queeren Theorien.
Er bleibt eine moralische Versuchsanordnung – und eine Frage, die jede Generation neu beantworten muss:
Wie viel Wahrheit verträgt Schönheit? Und wie viel Schuld kann ein Mensch verdrängen, bevor er zerbricht?
Fazit
Das Bildnis des Dorian Gray ist mehr als ein Gothic Novel oder eine moralische Parabel. Es ist ein Psychogramm der Selbstzerstörung, eine Anklage gegen gesellschaftliche Heuchelei und eine verschlüsselte queere Erzählung.
Wilde schrieb einen Roman, der bis heute verstört und fasziniert – vielleicht gerade deshalb, weil die Fragen, die er aufwirft, keine einfachen Antworten zulassen.
Über zehn Jahre nachdem ich diese Rezension zum ersten Mal schrieb, bleibt der Roman für mich aktuell.
Nicht nur wegen meines Namens. Sondern weil er von den Masken erzählt, die wir tragen – und von dem Preis, den wir zahlen, wenn wir sie zu lange tragen.
Schon eine kleine Spende hilft mir, Zeit fürs Schreiben zu reservieren. Vielen Dank.
Herzliche Grüße
Dorian Rammer