An den, der noch sucht – Ein innerer Dialog inspiriert von Rainer Maria Rilke

Ein stilles Gespräch mit sich selbst – über das Bleiben, wenn nichts mehr trägt, und über das Wachsen, das keine Eile kennt.

Caspar David Friedrich, Mondaufgang am Meer (1822) – drei Menschen am Ufer unter dem aufgehenden Mond; Symbol für Stille und innere Suche.
Mondaufgang am Meer – Caspar David Friedrich (1822 – gemeinfrei)
audio-thumbnail
Audio-Version des Textes – gelesen von Dorian Rammer.
0:00
/355.83229

Text inspiriert von Rainer Maria Rilke – insbesondere nach der Lektüre von „Briefe an einen jungen Dichter“


„Warum dauert das alles so lange?"

Du fragst das leise, vielleicht nachts, wenn die Stille so dicht ist, dass du deine eigenen Gedanken hören musst. Wenn du merkst, dass du schon so viel versucht hast – und trotzdem fühlst du dich manchmal noch genauso verloren wie damals.

Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil Echtes Zeit braucht. Weil du kein Haus bist, das man einfach bauen kann. Du bist mehr wie ein Stück Erde – manchmal trocken, manchmal überschwemmt. Man muss warten, bis sie trägt.

„Aber ich habe doch schon so viel versucht."

Ja. Und vieles davon war richtig, auch wenn es sich falsch angefühlt hat. Jeder Schmerz, jede Müdigkeit hat dich daran erinnert: dass du noch fühlst. Dass du nicht aufgegeben hast, selbst wenn du es vorhattest.


„Alle sagen mir, was ich tun soll. Aber nichts davon fühlt sich richtig an."

Rilke schrieb an einen jungen Dichter, der verzweifelt nach Rat suchte:

„Sie sehen nach außen, und das dürften Sie vor allem jetzt nicht tun. Niemand kann Ihnen raten und helfen, niemand. Es gibt nur ein einziges Mittel: Gehen Sie in sich. Erforschen Sie den Grund, der Sie schreiben heißt."

Er sprach über Kunst. Aber ist nicht auch das Leben selbst ein Kunstwerk?

Du suchst Antworten bei anderen – und das ist wichtig, das hat seinen Platz. Aber am Ende musst du selbst hineinspüren: Was lässt dich aufstehen? Was trägt, wenn nichts mehr trägt?

„Aber ich weiß doch gar nicht, was ich dort finden werde."

Niemand weiß das. Aber genau das ist der Punkt.

Rilke sagte:

„Ein Kunstwerk ist gut, wenn es aus Notwendigkeit heraus entstand."

Nicht aus Perfektion. Nicht aus Kontrolle. Sondern weil es nicht anders konnte.

Und dein Leben? Du bist nicht hier, weil du alles richtig gemacht hast. Du bist hier, weil du überleben musstest. Weil da etwas in dir war, das stärker war als die Verzweiflung. Das ist nicht perfekt. Aber es ist echt.


„Und wenn ich nicht mehr kann?"

Dann bleib. Nicht kämpfen. Nicht fliehen. Einfach nur da sein.

Manchmal ist das Mutigste, nichts zu tun. Nichts beschönigen. Nichts verdrängen. Einfach aushalten.

Das Leben hat seinen eigenen Rhythmus, und du kannst ihn nicht beschleunigen, ohne dich selbst zu verlieren.

„Aber die anderen schaffen das doch auch."

Nein. Die anderen zeigen es nur anders. Das heißt nicht, dass sie heiler sind. Es heißt nur, dass du ehrlicher bist.


„Was, wenn niemand versteht, was ich durchmache?"

Rilke schrieb:

„Kunstwerke sind von einer unendlichen Einsamkeit und mit nichts so wenig erreichbar als mit Kritik."

Wahre Kunst entsteht in der Einsamkeit. Nicht aus Isolation, sondern aus dem tiefen Drang, etwas zu schaffen, das größer ist als das Verständnis anderer.

Und dein Leben? Du formst es jeden Tag neu, in dieser unendlichen Einsamkeit. Niemand kann wirklich verstehen, was es bedeutet, in deiner Haut zu stecken. Niemand weiß, wie oft du aufgegeben hättest, wenn da nicht diese eine letzte Kraft gewesen wäre.

Du bist der Dichter deiner eigenen Tage. Du schreibst sie, Zeile für Zeile, manchmal zitternd, manchmal klar, manchmal im Dunkeln.

„Aber was, wenn ich es falsch mache?"

Es gibt kein Falsch. Niemand kann dir sagen, wie du leben sollst. Du musst selbst hineinspüren, wie Rilke es meinte. Was dich wirklich bewegt.


„Was, wenn ich nie ankomme?"

Was, wenn es kein Ankommen gibt? Was, wenn das Ziel nie war, perfekt zu werden, sondern ganz – mit allem, was in dir wohnt?

Rilke sagte, man solle die Fragen lieben wie verschlossene Zimmer. Nicht, weil man sie öffnen muss, sondern weil man lernen kann, mit ihrer Anwesenheit zu leben.

Dein Leben ist kein Projekt, das abgeschlossen werden muss. Es erschafft sich selbst, jeden Tag neu. Und das ist menschlich.

„Und wenn ich morgen wieder falle?"

Dann fällst du. Und du stehst wieder auf, wie du es schon hundertmal getan hast.

Es war nie die Perfektion, die dich weitergebracht hat. Es war dein Bleiben, selbst im Unklaren.


„Was soll ich jetzt tun?"

Geh in dich. Nicht, um Antworten zu finden, sondern um zu spüren, was dich wirklich bewegt.

Ein Spaziergang. Ein Gespräch. Ein tiefer Atemzug.

Es muss nicht groß sein. Es muss nur ehrlich sein.

„Und wenn ich nicht mehr weiß, wer ich bin?"

Dann bist du gerade dabei, es herauszufinden. Was du als Krise erlebst, ist vielleicht eine Häutung – schmerzhaft, aber notwendig.

In unendlicher Einsamkeit, ja. Aber auch in unendlicher Freiheit.


„Wann wird es leichter?"

Vielleicht nie. Vielleicht schon morgen. Vielleicht in dem Moment, in dem du aufhörst zu warten und anfängst, mit der Schwere zu leben, ohne sie bekämpfen zu müssen.

Und wenn du das heute geschafft hast – nur diesen einen Tag durchgestanden, ohne aufzugeben –, dann ist das genug.


Zum Schluss:

Wenn du das hier liest, weil du gerade nicht weiter weißt:

Du bist nicht zu langsam. Du bist nicht falsch.

Du lebst. Du fühlst. Du bleibst.

Texte, die bleiben. Über das, was uns trägt, was uns bricht – und was dazwischen liegt.

Melde dich an, um Zugriff auf exklusive Ausgaben zu erhalten.
dein.name@example.com
Abonnieren